Liebe Leserinnen, liebe Leser,
Was ist Wahrheit? Eine Frage, die so philosophisch leicht daher kommt mit diesen drei Wörtern und doch: Spüren Sie die ganze Schwere dieser Frage? Was ist Wahrheit? Eine Frage, die uns in den Geschichten von dem Prozess Jesu begegnet, also die Ereignisse, die vor etwa 2000 Jahre zu Jesu Verurteilung in Jerusalem durch Pontius Pilatus führten und in Jesu Hinrichtung am Kreuz mündeten. Die Frage “Was ist Wahrheit?” stellt Pilatus in dem Bericht im Johannesevangelium (Kapitel 18-19) und ist damit ziemlich sicher keine Frage, die Pilatus selbst gestellt hat – das Johannesevanelium ist das Jüngste der vier Evangelien in unserer Bibel und erzählt die Geschichte Jesu aus der 3.-4. Generation von Christ*innen. Und diese hatten viele Fragen und versuchten darauf Antworten in den Geschichten von Jesus zu finden – also in der Art, wie sie davon erzählten. Das Zwiegespräch von Jesus und Pilatus im Johannesevangelium ist ikonisch, in seiner ganzen philosophischen Tiefe sehr wirkmächtig. Letztlich zielt die Art, wie Johannes erzählt, darauf ab, dem Prozess Jesu so zu erzählen, dass Pilatus und Jesus fast Freunde sind. Ausgerechnet Pilatus, der einzig wirklich historisch vollumfänglich verantwortliche für Jesu Tod, der römische Beamte, Statthalter, der eben nur ein Interesse hatte: Ruhe in der Provinz, nichts, was die Ordnung stört, darf Bestand haben – also schon gar keine sozialrevolutionäre spirituelle Bewegung wie die des Jesus von Nazareth – daher war Pilatus Entscheidung Jesus als Unruhestifter hinzurichten unausweichlich.
Die 3.-4. Generation von Christ*innen stand aber vor einem großen Problem: Im Judentum der Zeit waren die Christ*innen nicht mehr zuhause – sie gehörten nicht mehr dazu. Und für die römische Herrschaft waren die Christ*innen eine jüdische Sekte – prinzipiell gefährlich, zumal gerade auch seit der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n.Chr die Jüdinnen*Juden unter strenger Beobachtung der römischen Autoritäten standen. Was tun? Die Christ*innen beginnen ihre Geschichte, die Geschichte von Jesus so zu erzählen, dass es letztlich ein Konflikt vor allem zwischen Jesus dem Messias, dem Christus, Sohn Gottes, und den Menschen in Jerusalem war – Pilatus dagegen eigentlich außen vor, eher der arme Getriebene, der die Tragweite der Situation zumindest erahnt und dann die große Frage stellt: “Was ist Wahrheit?” Scheinbar blieb ihm doch gar nichts anderes mehr übrig.
Also: Was ist dann Wahrheit? In der christlichen Geschichte vom Prozess Jesu wurde dann gerne davon erzählt, dass es ja die Juden waren, die Jesus ans Kreuz genagelt hätten. Mit bitteren Folgen, Folgen, die wir bis heute spüren: Die Judenfeindschaft, der Antisemitismus fraß und frisst sich tief in die Welt – bis heute. Was ist dann Wahrheit? Vielleicht schenkt uns die philosophische Frage von Pilatus ja einen kleinen Wink der Hoffnung. Vielleicht hat ja Johannes im Evangelium mit dieser Frage uns eine Mahnung mitgegeben: Was ist denn die Wahrheit? Etwas, mit dem wir ganz vorsichtig umgehen müssen – nicht, weil es keine Fakten gibt – sondern weil Wahrheit nämlich etwas ganz anderes ist: Wahrheit – darin steckt das Wort währen, etwas das hält, trägt, nicht faktisch. Und was trägt, was währt? Was ist das, was uns durch die Zeit begleiten soll? Menschlichkeit, denn das ist das, was wir von Jesus – und damit letztlich von Gott – Menschlichkeit, auf das jeder Mensch, jedes Gotteskind auf dieser Welt lebt.
In diesem Sinne, suchen wir zusammen die Wahrheit und machen uns auf um gen Karwoche und Ostern zu gehen.
Herzliche Grüße
Ihre Pfarrer*innen
Maraike Heymann
Tovja Heymann