Am 19. Februar jährt sich der rassistische Anschlag von Hanau, bei dem neun Menschen ermordet wurden, zum sechsten Mal. Das Jugendzentrum (JUZ) Kesselstadt wird auch in diesem Jahr, gemeinsam mit der Initiative 19. Februar, eine Gedenkveranstaltung am Kurt-Schumacher-Platz gestalten.
Es ist nur ein kurzer Fußmarsch vom JUZ zum benachbarten Tatort. Doch diesen Weg gemeinsam zu gehen, spendet gerade den jungen Menschen, die sich regelmäßig im JUZ treffen, seit Jahren Trost. „Auch in diesem Jahr wollen wir das aufgreifen und uns gemeinsam erinnern“, sagt Antje Heigl, pädagogische Mitarbeiterin des Jugendzentrums in Trägerschaft der evangelischen Kirche. Zum Gedenken an die Ermordeten des 19. Februars 2020 und als sichtbares Zeichen für Angehörige und Überlebende, dass sie in ihrer Trauer nicht allein sind. Als Zeichen der Solidarität mit den Forderungen nach lückenloser Aufklärung, Gerechtigkeit, Konsequenzen und angemessenem Gedenken.
Gerade für die Menschen im Stadtteil Kesselstadt ist die schicksalhafte Nacht bis heute nicht vergessen – weil Freunde fehlen, weil Fragen geblieben sind. „Wir möchten mit der Veranstaltung nicht nur an das Geschehene erinnern, sondern auch ein klares Zeichen der Verbundenheit setzen“, so Heigl. Eine gesellschaftliche Verantwortung, zu der man als kirchliche Einrichtung stehe: „Wir wollen Räume schaffen, in denen junge Menschen trauern, fragen und erinnern dürfen – und zugleich deutlich machen: Rassismus und Menschenfeindlichkeit haben hier keinen Platz.“
Im JUZ kommen Tag für Tag viele Jugendliche aus unterschiedlichsten Nationen zusammen. Die Mitarbeitenden hören ihnen zu, nehmen ihre Sorgen und Nöte ernst und stehen gemeinsam mit ihnen für ein friedliches Miteinander ein. Die Auseinandersetzung mit den Ereignissen vom 19. Februar sei heute noch genauso wichtig wie vor sechs Jahren, wie Heigl feststellt. Gerade Jugendliche, die zum Zeitpunkt des Anschlags noch Kinder waren, suchen diesen Raum: „Viele wissen gar nicht genau, was damals passiert ist oder warum“, erklärt sie. Für die ältere Generation, die den Anschlag hautnah miterlebten „ist es wichtig zu spüren, dass das Geschehene nicht verdrängt, vergessen wird – dass es Menschen gibt, die sich weiter darum kümmern.“
Die gemeinsame Gedenkveranstaltung von JUZ und von der Initiative 19. Februar am Kurt-Schumacher-Platz, ist bewusst so gestaltet, dass sich gerade auch die Jugendlichen, Angehörige und Stadtteilbewohner einbringen können. Auch wenn der Rahmen jedes Jahr ähnlich ist, bleibt Raum für individuelle Nuancen. Im JUZ selbst erinnern Fotografien an die Ermordeten – nicht nur Porträts, sondern auch Bilder aus ihrem Alltag. Blumen und Kerzen stehen bereit, an denen sich alle bedienen können. Um halb zehn machen sich die Teilnehmenden gemeinsam auf den Weg zum Kurt-Schumacher-Platz. Jedes Jahr kommen dort mehrere hundert Menschen zusammen, wie Heigl berichtet. Jugendliche, Anwohnerinnen und Anwohner oder Gäste aus Politik, Kirche und Stadtgesellschaft. „Rassismus trifft nicht abstrakte Gruppen, sondern Menschen – unsere Freunde, Nachbarn und Mitschüler. Daran erinnern wir jedes Jahr“, fasst Heigl zusammen. Ein wichtiges Zeichen, wie auch Dekan Dr. Martin Lückhoff findet: „Als evangelische Kirche setzen wir uns ein für ein offenes und friedliches Miteinander aller Menschen“, betont er. „Wir stehen für eine Gesellschaft, die von Respekt, Solidarität und Menschlichkeit getragen wird.“