Hanau. Wie wichtig ist Demokratie für unsere Gesellschaft? Wo begegnet sie uns? Und was braucht es, damit sie auch in einer immer komplexeren Welt gelingen kann? Diese Fragen diskutierten am Dienstagabend die ehemalige Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) und Bundestagsabgeordneter Pascal Reddig (CDU) bei der ersten Ausgabe des neuen Dialogformates „Stadtgespräch“ in der Alten Johanneskirche Hanau. Rund 130 Menschen waren der Einladung gefolgt und nutzten die Gelegenheit, eigene Fragen und Beobachtungen einzubringen.

 

Dekan Dr. Martin Lückhoff vom Evangelischen Kirchenkreis Hanau stellte bei der Begrüßung fest, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei: „Demokratie ist eine Gestaltungsaufgabe“, betonte er. „Sie lebt vom gegenseitigen Wahrnehmen, vom Miteinanderreden und von Respekt.“ Dafür möchte man als Kirche bewusst Raum bieten. Er freute sich, dass mit Nancy Faeser und Pascal Reddig zwei hochkarätige Politiker sofort bereit gewesen seien, an der Veranstaltung teilzunehmen. Bevor die beiden unter der Überschrift „Demokratie vor Ort – wie stärken wir unseren Zusammenhalt?“ in die Diskussion starteten, sorgten Jugendarbeiterin Shoshana Pilsczek mit zwei ehrenamtlichen Teamerinnen aus der Kirche am Limes, Lucas Corzilius vom Rotary Club Hanau, Serpil Unvar, Gründerin der Ferhat Unvar Bildungsinitiative, und der frisch gewählte Hanauer Stadtrat Andreas Jäger für kurze Impulse. Sie blickten darauf, wie Kinder und Jugendliche schon in jungen Jahren durch Mitbestimmung und Vertrauen Demokratie vor Ort erleben können, wie wichtig der Dialog miteinander sei und wie Zusammenhalt trotz Unterschieden eine Gesellschaft stärkt.

Auch in der anschließenden Diskussion von Faeser und Reddig zeigte sich, dass man trotz unterschiedlicher Positionen Gemeinsamkeiten finden kann. So waren sich beide einig, dass Bildung von großer Bedeutung sei. „Bildung ist der Schlüssel zu allem“, so Faeser. Demokratische Werte sollten möglichst früh vermittelt werden. Gerade mit Blick auf die digitale Welt sieht sie noch großen Nachholbedarf. Statt allein über Handyverbote und Einschränkungen bei sozialen Medien zu diskutieren, brauche es aus ihrer Sicht eine gute Bildungsantwort. Reddig stellte fest, dass es im Bereich Bildung aus seiner Sicht auch eine etwas stärkere Zentralisierung geben müsse: Gerade in Regionen, in denen Bundesländer aneinandergrenzten, seien die vorhandenen Unterschiede für viele Menschen nur schwer nachvollziehbar. Beide befürworteten die Einführung eines verpflichtenden Gesellschaftsjahres für junge Menschen.

Aber auch der Staat sei in der Pflicht, das Vertrauen der Menschen durch nachvollziehbare Entscheidungen zu stärken. Dazu zähle auch ein effizienterer Umgang mit den Steuermitteln. „Wir geben sehr viel Geld in unsere Sozialsysteme und bekommen dafür sehr wenig heraus“, sagte Faeser. Während sie auf Erbschafts- und Vermögenssteuer als Möglichkeiten für höhere Einnahmen blickte, rückte Reddig die Ausgabenseite in den Mittelpunkt: „Die Gesellschaft hat zu Recht den Wunsch, dass Steuermittel auch effizient eingesetzt werden.“
Mit Blick auf Hanau hob Faeser das Haus der Vielfalt als gutes Beispiel der Demokratieförderung hervor: Hier kämen Menschen über verschiedenste Gruppen hinweg unter einem Dach zusammen. Solche Räume seien für eine demokratische Gesellschaft von großer Wichtigkeit. „Das Haus der Vielfalt kann hier einen wichtigen und dauerhaften Beitrag leisten.“

In der anschließenden Fragerunde brachten viele Anwesende eigenen Beobachtungen und Fragen ein. Dabei wurde deutlich, wie wichtig den Menschen Vertrauen, Verlässlichkeit und Gerechtigkeit sind. Um diesen Forderungen gerecht zu werden, brauche es auch gute politische Entscheidungen, wie Reddig zusammenfasst: „Das ist die Aufgabe, die wir haben. Und der wollen wir gerecht werden.“