Sprengel Hanau-Hersfeld - „Lernen Sie, Menschen mitzunehmen“

Tageslosung

Weh denen, die unrechtes Urteil schreiben, um die Sache der Armen zu beugen und Gewalt zu üben am Recht der Elenden!
Stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, auf dass ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

 

 

„Lernen Sie, Menschen mitzunehmen“
Theologiestudenten absolvieren Gemeindepraktika im Kirchenkreis Hanau – Besuch beim Dekan
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Besuch der Theologiestudierenden im Dekanat Langenselbold - Bild: Ulrike Pongratz

Wie sehen heute die Aufgaben eines Pfarrers, einer Pfarrerin aus? Wie verändert sich mit dem Strukturwandel von Gesellschaft und Kirche das Berufsbild? Diese und weitere Fragen stellen sich zurzeit sehr intensiv 16 Studierende der evangelischen Theologie, die nach ihrer Ausbildung genau diesen Beruf ausüben wollen: Sie werden als Pfarrer in einer Kirchengemeinde tätig sein.

Für das kirchliche Examen brauchen Studierende der evangelischen Theologie ein Praktikum in einer Kirchengemeinde. Diese Praktika organisiert und begleitet Maike Westhelle, die Leiterin des Studienhauses der evangelischen Landeskirche Kurhessen-Waldeck in Marburg. „Die Landeskirche gibt jedes Jahr einen Kirchenkreis vor und fragt in den Kirchengemeinden an. Die Pfarrerinnen und Pfarrer, die Zeit und Lust auf Austausch mit Studierenden haben, melden sich freiwillig. Die Gemeindepraktikanten werden dann jeweils einem Mentor zugeteilt. Wir versuchen dabei, auf Prioritäten der Studierenden einzugehen, wie beispielsweise der Wunsch nach Kinder- und Jugendarbeit, nach einer Stadt- oder Landgemeinde, etc.“, erklärt Maike Westhelle das Procedere.
Das Praktikum begann für die Studierenden am 15. Februar mit einem ersten Kennenlernen und Gedankenaustausch auf der Ronneburg. Dort wurden die Nachwuchstheologen, die aus ihren jeweiligen Studienorten, wie aus Marburg, Heidelberg, Hamburg, Jena, Tübingen, Münster oder München angereist waren, von ihren Mentoren in Empfang genommen. Insgesamt fünf Wochen lang werden die 16 jungen Frauen und Männer nicht nur Einblicke in die vielfältigen Aufgaben in ihren jeweiligen Kirchengemeinden erhalten, sondern die Gemeindepraktikanten besuchen auch verschiedene übergemeindliche, kirchliche Einrichtungen, wie die Diakonie, das Kreiskirchenamt oder am vergangenen Mittwoch das Dekanat des Kirchenkreises in Langenselbold.
Dr. Martin Lückhoff freute sich, eine erfreulich große Anzahl an Studierenden begrüßen zu können und erläuterte kurz seine Aufgaben als Dekan. Wirklich spannend und bereichernd für alle Beteiligten war der knapp zweistündige Austausch. Die angehenden Pfarrerinnen und Pfarrer berichteten über erste beeindruckende Erfahrungen in den ihren jeweiligen Gemeinden: ein musikalischer KiTa-Gottesdienst mit über 70 Kindern, die Vorbereitung einer gereimten Faschingspredigt, die Begleitung einer Konfirmandenfreizeit, eine Trauerfeier, ein Kindergottesdienst zum Weltgebetstag, Verwaltungsarbeit, Organisation und die Begleitung ehrenamtlicher Mitarbeiter gaben einen kurzen, aber prägnanten Überblick über die Vielfalt und Vielseitigkeit der Aufgaben. Einige Praktikanten freuten sich besonders über das Vertrauen, das ihnen von Menschen aus der Gemeinde entgegengebracht wurde, so beim Geburtstagbesuch oder auch beim Orgelspiel. Alles in allem waren sie gut angekommen und fühlen sich wohl. Die zum Teil kritischen Fragen und Redebeiträge in der Diskussion mit Dekan Lückhoff machten deutlich, wie intensiv die Gemeindepraktikanten die Auseinandersetzung um die Zukunft der Kirche, um ihre Aufgabe als Pfarrerinnen und Pfarrer, um ihr künftiges Selbstverständnis im Beruf führen. „Das Praktikum ist prägend und wichtig“, meinte Lückhoff, „denn Sie kommen in eine Zeit vielfältiger sozialer und kirchlicher Herausforderungen und starker Veränderungen.“ Die Kirche müsse sich perspektivisch weiterentwickeln, auf die Rahmenbedingungen, wie Mobilität und Heterogenität Antworten finden.“
Viele der Praktikanten wünschten sich mehr öffentliche Positionierung der Kirche in gesellschaftlichen Fragen, mehr Agieren als Reagieren, mehr Präsenz in der Öffentlichkeit. Mit Politik und Kirche wurde ein komplexes und schwieriges Thema angesprochen, das Dekan Lückhoff beispielhaft auf verschiedenen Ebenen zu beantworteten suchte. „Wir positionieren uns durchaus, wir lassen uns aber nicht von Parteipolitik vereinnahmen“, war letztlich das orientierende Fazit. Im Mittelpunkt des Gesprächs stand auch die Frage nach dem Stellenwert von Kirche und Gottesdienst in der Gemeinde. Auch wenn viele Menschen in den Gemeinden keine Erfahrung mit Kirche hätten und es kaum Anknüpfungspunkte gebe, sei die lokale Präsenz der Kirche und das Vertrauen, das gerade dem Pfarrer entgegengebracht würde, eine große Chance. „Investieren Sie Zeit in gute Gottesdienste“, meinte Lückhoff, „sprechen Sie die Themen an, die Menschen bewegen. Lernen Sie klug zu sprechen, Menschen mitzunehmen. Dazu bleibt eine gute theologische Ausbildung das A und O.“ Lückhoff machte auch deutlich, dass Amt und Person des Pfarrers in der Öffentlichkeit stark wahrgenommen würden. „Das öffentliche Amt ist in der Ordination angelegt“, erinnerte Lückhoff „Sie verkünden das Wort Gottes öffentlich.“ Auch das Leben im Pfarrhaus sei ein halböffentliches.
Gottesdienste als Event, Kirche als Anbieter auf dem Markt, Distanz wahren und dennoch Nähe suchen, zu gesellschaftlichen Fragen Position beziehen – die künftigen Pfarrerinnen und Pfarrer werden einige Herausforderungen zu bewältigen haben. Die 16 Gemeindepraktikanten jedenfalls stellten nicht nur die richtigen Fragen, sie sind vor allen Dingen hochmotiviert und bringen frische Ideen zur Zukunft der Kirche ein.

Text und Bild: Ulrike Pongratz

mid - eingestellt am 07.03.2019