Liebe Leserinnen und Leser,

immer öfter zerreißt es mir das Herz – vor himmelschreiender Ungerechtigkeit. Und – weil ich nicht mehr ein noch aus weiß, weil ich nicht mehr weiß, was tun. Ich weiß, unser Lebensstil mit Heizungen mit Öl und Gas, mit Autos und Flugreisen – mit Bruttoinlandsprodukt und Wirtschaftswachstum ist ungerecht, ist für unsere Erde nicht mehr zu tragen. Unsere Wälder sind krank, unsere Grundwasserspiegel sinkt und dabei geht es uns im Norden noch gut. Aber einfach alles stehen und liegen lassen – das können wir auch nicht. Wir können nicht einfach das Rad anhalten, aber wir können auch nicht so weiter machen. Es zerreißt mir das Herz. Hilfe wäre jetzt nötig. Nur welche?

In für unsere Ohren fremden und verworrenen Worten beschreibt die Autorin des biblischen Hebräerbriefs eine Person, die Hilfe sein kann: Eine Gestalt, die Recht und Gerechtigkeit schenkt, nur ganz anders als erwartet.

Hebräerbrief Kapitel 5,1-2.5-7:

Denn jeder Hohepriester, der von den Menschen genommen wird, der wird eingesetzt für die Menschen zum Dienst vor Gott, damit er Gaben und Opfer darbringe für die Sünden.
Er kann mitfühlen mit denen, die unwissend sind und irren, weil er auch selber Schwachheit an sich trägt.
So hat auch Christus sich nicht selbst die Ehre beigelegt, Hoherpriester zu werden, sondern der, der zu ihm gesagt hat (Ps 2,7): »Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt.« Wie er auch an anderer Stelle spricht (Ps 110,4): »Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.«
Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt.

Zwischen uns und diesen Worten liegen 2000 Jahre, ein garstig breiter Geschichtsgraben. Und doch, da strahlt was von Rettung, Rettung zutiefst menschlich und liebevoll: Der Hohepriester, der dient, der kann mitfühlen, der ist schwach und doch betet er und stärkt die Menschen, die ihm anvertraut sind – wie macht er das? Nicht, weil er der starke Mann ist, der die Richtung vorgibt, nicht weil er mit großem Gefolge und klaren Regeln durch diese Welt streift, sondern weil er irren kann, weil er schwach ist, weil er fleht und schreit und hadert und klagt, nur deshalb kann er Hilfe sein, weil er es auch nicht besser weiß. Und dies findet die Autorin des Hebräerbriefs in Christus, an den sie glaubt, wieder. Christus ist nur deshalb Christus, der Retter, weil er selbst schwach war, weil er selbst Mensch ist, weil er selbst haderte und klagte und Ängste ausstand, weil er irrte und klagte und im Garten Gethsemane nur flehen konnte: Lass diesen Kelch an mir vorüber gehen. Besser, genauer, deutlicher, gerechter, fairer, besonnener, durchdachter als wir sieht er die Lage auch nicht. Und so, nur so ist er denn auch „der Priester nach der Ordnung Melchisedeks“. Aber wer ist das nun wieder? Da schimmert wohl der Rest einer alten Sagengestalt des Antiken Israels durch. Ganz genau wissen es auch die Forscherinnen und Theologen nicht. Nur vielleicht soviel – und eventuell reicht das schon: Melchisedek heißt übersetzt: „Der gerechte König“. Und sehe ich so den Gott, der Jesus mit all seinem Hadern und Angst und Ungewissheit eingesetzt hat zum Christus, dann weiß ich, was Gerechtigkeit ist: Liebe und das Unklare ertragen und aushalten und versöhnen.

Und stehe ich in den Krisen unserer Tage, weiß nicht ein noch aus, weiß nicht mehr was gerecht und richtig ist – dann kann nur eines halten: Gottes Liebe, Gottes Gerechtigkeit, die all das mit mir, mit Ihnen, mit uns aushält und gerade im Gebrochen, im Unklaren, im Uneindeutigen neues Leben keimen lässt und neue Liebe wachsen lässt – so gehen wir in diese Zeit mit Ungewissheit und Liebe gleichermaßen.

Kommen Sie mit?

Herzlich, Ihre Pfarrer*innen Maraike und Tobias Heymann


Bild: Jacques Bergé, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons