‚Niemals vergessen‘ lautete das Motto der zweiten digitalen Veranstaltung in der Reihe „Hanauer Gespräche“. Erinnerungsarbeit und Gedenkkultur wurde aus verschiedenen Perspektiven erläutert und diskutiert.

Unter dem Titel „Niemals vergessen“ fand die zweite Veranstaltung der Reihe „Hanauer Gespräche“ am 19. Mai statt. Die Reihe ist eine Veranstaltung des Evangelischen Forums, einer Einrichtung des Kirchenkreises Hanau. Für den 19. Mai hatte die Leiterin des ev. forums, Pfarrerin Dr. Elisabeth Krause-Vilmar, Çetin Gültekin, den Bruder des ermordeten Gökhan Gültekin, gewinnen können. Aus der Perspektive der Stadt Hanau berichtete Gözde Saçiak, Fachstelle für Demokratieförderung und Extremismusprävention (DEXT), wie Erinnerungskultur gestaltet werden könne.

Sehr engagiert machte als erster Çetin Gültekin vier Forderungen deutlich, die aus Sicht der Angehörigen und der Initiative 19. Februar zentral seien: Erinnerung – Gerechtigkeit – Aufklärung und Konsequenzen. Noch immer liege beispielsweise kein offizieller Bericht der Behörden vor. Ganz zentral sei es, die Erinnerung wach zu halten. Die großen Wandbilder des Kollektivs ohne Namen wie in Frankfurt und Bruchköbel sind sichtbare Zeichen. „Erinnern heißt verändern. Wir wollen an viele Menschen appellieren. Wir hoffen so, einen nächsten Anschlag zu verhindern. Wandbilder kann man nicht wegklicken. Manchmal ist das unangenehm, aber das ist richtig,“ so Çetin Gültekin.

Gözde Saçiak berichtete zunächst, welche Haltung im Umgang mit Anschlägen sie bei anderen Städten beobachtet hatte. Man schiebe den Anschlag z. B. weg, weil er ein schlechtes Image bedeuten würde. Allzu oft würde man sich auf die Täter der Anschläge fokussieren. Gedenkveranstaltungen würden ohne Mitsprache der Angehörigen veranstaltet und meist als Schlusspunkt des Gedenkens betrachtet. Die Stadt Hanau habe von Anfang an eine klare Haltung bezogen, sie schiebt den rassistischen Anschlag nicht weg. Hanau positioniert sich auf der Seite der Betroffenen und stellt ihre Bedürfnisse in den Mittelpunkt. Erinnern und Gedenken gestaltet die Stadtverwaltung gemeinsam mit den Angehörigen und Betroffenen. Sicher ist, dass das Thema nicht abgeschlossen, sondern bleiben wird.

Für Angehörige, die sich aktiv in viele Prozesse einbringen, liegt derzeit die Gestaltung des Mahnmals oben auf. Prämierte Entwürfe, die aus einem Wettbewerb hervorgegangen sind, werden im nächsten Schritt als Modelle der Jury vorgestellt, in der die Angehörigen ein entscheidendes Mitspracherecht besitzen. In kleinen Gesprächsrunden kamen weitere Aspekte der Erinnerungs- und Gedenkkultur zu Sprache. Sie zeigten, dass sich ein Netzwerk etabliert hat, das aktiv ist, das weiterhin Ideen sammelt und mehr Menschen einladen will, mitzudiskutieren und mitzumachen.

Aus den Gesprächsgruppen kamen folgende Rückmeldungen:

  • Der „19.“ eines Monats hat sich als festes Datum etabliert. Bei Gedenkveranstaltungen stehen die Namen der Ermordeten (#saytheirnames) und ihre Angehörigen im Mittelpunkt.
  • Dass Wände für Wandbilder gesucht werden, war manchen Teilnehmer*innen neu.
  • Der „Runde Tisch der Religionen“ als interreligiöses Gremium setzt sich für Toleranz und gegen Rassismus ein und spielt in der Hanauer Erinnerungskultur eine wichtige Rolle.
  • Kitas und Schulen könnten noch stärker in die Erinnerungskultur eingebunden werden, beispielsweise über einen Wettbewerb.

Das nächste Hanauer Gespräch wird am 19. Juni 2021 um 19 Uhr stattfinden. An diesem Tag findet auch die Aktion “Stern für Hanau“ der Initiative 19. Februar statt.