Andacht Rogate

07 Mai
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Die Sonntage nach Ostern sind so etwas wie die Eckpfeiler eines Lebens im Glauben an und im Lichte der Auferstehung Jesu: Jubilate (Freut Euch!) – Kantate (singt!) – Rogate (Betet!)

Heute also: Rogate – betet. Um das Gebet geht es also, darum, sich Gott anzuvertrauen in dem, was uns bewegt, in guten wie auch in schweren Tagen.

Der Wochenspruch für die kommende Woche lautet passend:
Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. 2. Kor 5, 17

Dazu ein paar Gedanken:
„Ohne Ansehen der Person“, so schwören es Richter bei ihrer Vereidigung. Sie sind nicht parteiisch und machen ihre Entscheidungen nicht abhängig von Äußerlichkeiten oder sozialen und religiösen Zugehörigkeiten.
„Ohne Ansehen der Person“, mit verbundenen Augen steht Justitia vor den Gerichten, in der einen Hand eine Waage in der anderen ein Schwert. Früher trug sie an der Stelle des Schwertes einen Ölzweig als Symbol für das friedliche Miteinander.
„Ohne Ansehen der Person“, so heißt es zusammengefasst im dritten Artikel des Grundgesetzes – alle Menschen sind gleich vor dem Gesetz.
„Ohne Ansehen der Person“, das heißt für mich, auf dem Boden der Tatsachen bleiben, genau hinzuschauen, worum es eigentlich geht und mich nicht leiten zu lassen von denen, die am lautesten schreien.
„Ohne Ansehen der Person“, ein Grundsatz auch für Gott:
„Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person und erhört das Gebet des Unterdrückten. Er verachtet das Flehen der Waisen nicht noch die Witwe, wenn sie ihre Klage erhebt. Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, und richtet sich ihr Schreien nicht gegen den, der die Tränen fließen lässt? Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, und sein Gebet reicht bis in die Wolken. Das Gebet eines Demütigen dringt durch die Wolken, doch bis es dort ist, bleibt er ohne Trost, und er lässt nicht nach, bis der Höchste sich seiner annimmt und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.“ (Sirach 35,16-22a)

„Ohne Ansehen der Person“, es könnte so einfach sein und doch erleben wir immer wieder, wie Menschen in vorgefertigte Schubladen gesteckt werden, wie sie an Oberflächlichkeiten bewertet werden. Davon ist wohl niemand frei.
Jesus war es wohl. Er ist ohne Schubladendenken ausgekommen, hat Menschen so anzunehmen wie sie sind, ist auf sie zugegangen, hat mit ihnen gesprochen und ihnen geholfen. Doch gerade dazu werde ich heute ermuntert. Ich lebe nicht nur für mich, sondern lebe auch immer in den Beziehungen, die mich umgeben, bin eingebunden in das Auf und Ab des Lebens.

Oft und leider zunehmend sind Menschen nur auf sich fixiert, auf das, was nur Ihnen selbst wichtig ist, nur darauf, dass es ihnen gut geht. Wie es um andere steht, fällt demgegenüber ab. Gerade die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig unsere Mitmenschen sind, wie wichtig es ist zu wissen, dass ich mit meinen Problemen, Sorgen und Ängsten nicht allein bin, sondern dass es anderen genauso geht wie mir. Es tut gut zu hören, dass es bei anderen auch so ist. Durch das gemeinsame Reden fällt eine kleine Last von meiner Seele. Es gibt Menschen, die ähnlich empfinden.

So wie ich mit anderen Menschen spreche, mich mitteile, so rede ich auch mit Gott. Ich vertraue ihm an, was auf meiner Seele liegt, an Kummer und Tränen, so wie an Freude und Lachen. Er hört mir zu, „ohne Ansehen der Person“, ohne mich in irgendeine Schublade zustecken und mich zu verurteilen.

Mein Gebet, mein Gespräch mit Gott, „reicht bis in die Wolken.“ Es findet bei Gott Gehör, wenn es bei ihm ankommt. Darauf vertraue ich und das gibt mir Kraft und Zuversicht für meine Lebenswege, für das, womit ich mich täglich herumschlage zwischen Homeoffice, Kinderbetreuung und Haushalt.

„Ohne Ansehen der Person“, so handelt Gott. Vor ihm muss ich mich nicht verstecken und mich nicht verstellen. Es tut gut, dies immer wieder aufs Neue zu hören und sich immer wieder daran erinnern zu lassen.

„Ohne Ansehen der Person“, das heißt für mich dann auch, genauer hinzuhören auf die Menschen mit ihren Anliegen. Hinzuhören auch auf die Menschen, die anderer Meinung sind als ich, ohne sie gleich abzukanzeln.

„Ohne Ansehen der Person“, dieser Grundsatz umfasst viele Bereiche meines eigenen Lebens, Glaubens und des Zusammenhalts in unserer Gesellschafft. So lasse ich mich von Gott immer wieder gerne daran erinnern, dass ich nicht allein bin, sondern dass es immer einen gibt, mit dem ich reden kann – sei es meine Mitmenschen oder Gott selbst.

„Ohne Ansehen der Person“, mit verbundenen Augen wie Justitia und einem Ölzweig als Symbol des friedlichen Miteinanders in der Hand. So gehe ich getrost den Aufgaben meines Lebens entgegen, mit all den Menschen, die mich tagtäglich umgeben.

„Ohne Ansehen der Person“ und gerade deswegen wirklich an mir interessiert, offen für meine Nöte und Sorgen, aber auch für meine dankbaren Erfahrungen und Erinnerungen. So empfängt Gott mein Gebet, meinen frohen Dank und meine traurige Klage. AMEN.

Ich lade Sie herzlich zum Gebet ein:

Gott, du nimmst alle Gebete wahr und gibst deine Güte nicht auf.
Wir bitten dich: Fülle unsere Seele mit Zuversicht, dass wir nicht aufhören, zu dir zu rufen und deiner Güte zu trauen auch in schweren Tagen.
Es komme dein Reich, wenn wir niedergeschlagen und hilflos sind, wenn die Freude versiegt, wenn Angst und Gleichgültigkeit wachsen. Es komme dein Reich in unsere Herzen, in unsere Augen und Hände. Amen

Liebe Leserin, lieber Leser,
das Gebet ist wie ein biologischer und nachhaltiger „Treibstoff“: es bewegt uns und bringt uns ans Ziel, ohne dabei anderen Menschen oder mir zu schaden.

So gehen Sie in die neue Woche in seinem Segen und unter seinem Geleit:

Gott segne dich und behüte dich.

Gott lasse sein Angesicht leuchten über Dir und sei Dir gnädig.

Gott erhebe sein Angesicht auf Dich und schenke Dir seinen Frieden.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr Pfarrer Jens Heller

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