Wochenspruch

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für viele.“ (Matthäus 20, 28)

Kurzfilm

Ich lade Sie ein, sich den Kurzfilm „Edgar“ auf vimeo.de anzusehen. Dieser dauert 12 Minuten.


Predigt

Liebe Gemeinde,

Edgar steht zwischen den Kleiderständern im Kaufhaus. Der Einsamkeit seiner vier Wände ist er entflohen. Er hat all seinen Mut zusammengenommen. Und nun wendet er sich an die junge Verkäuferin: „Verehrtes Fräulein, es geht mir darum zu fragen, ob Sie nicht vielleicht hier in Ihrem Kaufhaus jemanden bräuchten zum Arbeiten, verstehen Sie? Ich bin mir für nichts zu schade!“ Hoffnungsvoll lächelt Edgar die Verkäuferin an. Diese sortiert die Kleidung weiter. Sie antwortet, dass viele Leute nach Arbeit fragen würden, aber in seinem Alter…, das bringe doch nichts. Er solle lieber seinen Ruhestand genießen. Edgar sagt ihr, und etwas Bitterkeit schwingt in seinem Ton mit, das hätte er gerne getan. Aber er konnte nur vier Monate seinen Ruhestand mit seiner Frau genießen, dann sei sie gestorben. Und nun wolle er nicht mehr die Wände anstarren. Er hätte doch noch Kraft. Er wolle gebraucht werden. Doch als Edgar sieht, dass die Verkäuferin ihm nicht weiterhilft, geht er zum Ausgang des Warenhauses. Als er hindurchgehen möchte, piepst der Alarm, ein Mitarbeiter springt auf ihn zu und zeigt auf den Regenschirm in Edgars Hand, den er wohl gerade versucht habe zu entwenden. Der Kaufhausdetektiv führt Edgar in ein Büro, sagt, dass er ihn anzeigen werde. So leicht käme er ihm nicht davon. Und dass es für solche, wie ihn, sogar einen bestimmten Begriff gäbe „Ü60-Kriminelle“ – die würden nur Aufmerksamkeit wollen. Er würde ihn anzeigen und dann müsse Edgar Sozialstunden, Arbeitsstunden ableisten. Edgar schaut plötzlich hoch. „Wieviele Stunden sind das denn?“ fragt Edgar hoffnungsvoll. Und er sagt noch, dass er ja überhaupt froh sei, dass jemand mit ihm redet. Zum Schluss verzichtet der Kaufhausdetektiv auf die Anzeige, weil es ihm zu lange dauert, und er bald Dienstschluss hat. Er entlässt Edgar. In der nächsten Szene sehen wir Edgar, wie er durch das Warenhaus geht, und zielstrebig auf einen großen Karton mit einem Fernseher zugeht, diesen hochnimmt und damit Richtung Ausgang geht. Edgar schaut sich mehrfach nach dem Kaufhausdetektiv um – zwinkert ihm zu – versichert sich, dass dieser ihn sieht. Die letzte Szene zeigt Edgar in einer Gruppe mit anderen Männern, die gerade in den Arbeitseinsatz eingewiesen werden. Man werde sie nicht schonen, sagt der Vorarbeiter. Und Edgar lächelt.

Es ist doch absurd, liebe Gemeinde, da sitzt ein Mann mit 67 Jahren in seiner Wohnung, ist einsam, möchte etwas arbeiten, und niemand interessiert sich dafür. Und nur mit einem Trick gelingt es ihm, seiner Einsamkeit zu entfliehen.

Einsamkeit ist auch in unseren Coronazeiten ein großes Thema. Auf einer Fortbildung habe ich letztens gehört, dass ca. 30 Prozent der 18- bis 35- Jährigen sehr an der Einsamkeit zu leiden hätten. Die über 35- Jährigen kämen mit der besonderen Belastung in der Coronazeit besser klar. Also selbst die jungen Menschen fühlen sich in dieser Pandemiezeit einsam. Einsamkeit bezeichnet das Gefühl von anderen Menschen getrennt zu sein. Dieses Gefühl der Einsamkeit kann traurig und krank machen.

Auch Hiob – um den es in dem heutigen Predigttext geht – leidet an der Einsamkeit. Er hat seine Kinder verloren, sein Reichtum ist dahin und die Gesundheit auch. Seine Frau, seine Freunde verstehen ihn nicht. Er hat zwar Menschen um sich – aber trotzdem fühlt er sich einsam. Und hinzu kommt noch: Sein Gott scheint ihn auch verlassen zu haben.

Das Hiobbuch habe ich oft in der Schule besprochen. Ich mag dieses Buch der Bibel besonders. Es führt uns einen Menschen vor Augen, der sehr fromm ist und viel zu erleiden hat. Das Hiobbuch schönt nichts. Da ist erstmal kein Gott, der die Einsamkeit des Mannes durchbricht. Keine Stimme vom Himmel. Ich finde es sehr erfrischend auch solche Geschichten in der Bibel zu finden. Da scheint sogar der Rat der Ehefrau nachvollziehbar „Verlasse Gott!“. Es bringt nichts mit dem Glauben!

Haben nicht auch viele Menschen in der Pandemie gerade diesen Eindruck? Es bringt nichts mit dem Glauben, wenn so viele Menschen an Corona versterben und an den Spätfolgen zu leiden haben.

Doch Hiob verlässt Gott nicht. Hiob bleibt an Gott dran. Mich fasziniert seine Beständigkeit. Hiob lässt sich durch nichts von Gott abbringen. Er bleibt mit Gott im Gespräch, er klagt, er bringt seine Fragen vor Gott und seinen Ärger. Alles das darf sein. Wir dürfen alles vor Gott ausbreiten.

Hiob lässt sich selbst durch das lange Schweigen Gottes nicht von ihm abbringen. Es ist der Glaube, dass sich das Leben in seiner guten Form durchsetzen wird, der Hiob leitet. Denn Hiob sagt „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Was für ein hoffnungsvoller Satz! Das dürfen wir auch mit dem Hiob mitbeten, mitstammeln. Ein Satz, der über das Leiden hinausschaut – auf Gott – und auf eine Zeit, die besser sein wird. Eine Zeit, die von Erlösung bestimmt sein wird. Darauf dürfen wir auch in der Pandemie hoffen, in der dritten Welle, wenn die Zahlen der Coronaerkrankten wieder ansteigen.

„Ich weiß, dass mein Erlöser lebt!“ Gott wird sich uns zuwenden – darauf dürfen wir vertrauen.

Edgar, Hiob, Jesus – dreimal Einsamkeit in verschiedenen Formen. Und dreimal der Glaube an das Leben, das sich durchsetzen wird.

Zum Schluss hören Sie auf die Worte des Predigttextes, der sich im Hiobbuch 19,19ff befindet:

19 Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt. 20 Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon. 21 Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, ihr meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen! 22 Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch? 23 Ach, dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach, dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift, 24 mit einem eisernen Griffel und mit Blei für immer in einen Felsen gehauen! 25 Aber ich weiß, dass mein Erlöser lebt, und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben. 26 Nachdem meine Haut noch so zerschlagen ist, werde ich doch ohne mein Fleisch Gott sehen. 27 Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust. Amen!

Gebet “Ich brauche dich“ (nach Psalm 42 und 43)

Gott, ich brauche dich.

Hörst du mir zu?

Es gibt Tage, da könnte ich den ganzen Tag weinen.

So traurig bin ich.

Ich möchte mein Herz ausschütten,

aber ich bin allein.

Es gibt Tage, da weiß ich nicht ein noch aus.

Alles geht schief.

Ich fühle mich wie ein Ertrinkender.

Die Wellen schlagen mir über dem Kopf zusammen.

Gott, ich brauche dich.

Hörst du mir zu?

Es gibt Tage, da meine ich, alle sind gegen mich.

Meine Freunde haben mich wohl vergessen.

Jeder nörgelt an mir herum.

Ich kann es niemandem recht machen.

Es gibt Tage, da könnte ich an allem zweifeln.

Gibt es keine Gerechtigkeit auf der Welt?

Was ist Wahrheit?

Jeder sagt etwas anderes und redet auf mich ein.

Manchmal denke ich: Alle lügen.

Gott, ich brauche dich.

Hörst du mir zu?

Aus: Sagt Gott, wie wunderbar er ist.

Neue Psalmen für Gottesdienst und Andacht,

Leinfelden-Echterdingen ²2006, S. 48

Segen

Gott segne deinen Weg
die sicheren und die tastenden Schritte
die einsamen und die begleiteten
die großen und die kleinen

Gott segne dich auf deinem Weg
mit Atem über die nächste Biegung hinaus
mit unermüdlicher Hoffnung
die vom Ziel singt, das sie nicht sieht
mit dem Mut, stehenzubleiben
und der Kraft, weiterzugehen.

Textrechte: Verlag Eschbach/ Text von Katja Süß

Herzliche Grüße,

Ihre Ivona Linhart – Schulpfarrerin an den Kaufmännischen Schulen in Hanau