Leben als Gottes-Dienst

08 Jan
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Andacht zum 1. Sonntag nach Epiphanias

Liebe Gemeinde,

diese letzten Wochen waren anders. Sie waren weniger festlich, weniger stimmungsvoll, stiller und ruhiger. Keine gemeinsamen großen Feiern, kein Feuerwerk zu Silvester. Es hat still angefangen, dieses neue Jahr, so wie das alte zu Ende gegangen ist.

Und wieder einmal feiern wir keine Gottesdienste gemeinsam. Das fällt schwer! Weil gerade in diesen Zeiten die Gemeinschaft fehlt, die unseren Glauben auch mitträgt, die uns bestärkt – die Menschen, mit denen wir gemeinsam auf dem Weg des Glaubens unterwegs sind.

Und genau in dieser Situation spricht der Predigttext, der für diesen Tag vorgesehen ist, von ganz anderen, von alternativen Gottesdiensten. Im Brief des Paulus an die Römer lesen wir da im 12. Kapitel:

1 Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst.

2 Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

3 Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.

4 Denn wie wir an “einem” Leib viele Glieder haben, aber nicht alle Glieder dieselbe Aufgabe haben, 5 so sind wir viele “ein” Leib in Christus, aber untereinander ist einer des andern Glied,

6 und haben verschiedene Gaben nach der Gnade, die uns gegeben ist. Ist jemand prophetische Rede gegeben, so übe er sie dem Glauben gemäß.

7 Ist jemand ein Amt gegeben, so diene er. Ist jemand Lehre gegeben, so lehre er.

8 Ist jemand Ermahnung gegeben, so ermahne er. Gibt jemand, so gebe er mit lauterem Sinn. Steht jemand der Gemeinde vor, so sei er sorgfältig. Übt jemand Barmherzigkeit, so tue er’s gern.

Das ganze Leben ist also Gottesdienst! Vernünftiger Gottesdienst sogar, wie es Paulus nennt. Gott möchte kein Opfer gebracht bekommen, sondern Hingabe, ein glaubendes Leben im Alltag: in der Schule, im Haushalt, am Arbeitsplatz, beim Busfahren. Das ganze christliche Leben ist also Gottesdienst. Der Alltag kann vom Sonntag nicht getrennt werden. Mein ehemaliger Pfarrer benutzte dafür immer recht krasse Worte, die mir aber dafür eindrücklich in Erinnerung geblieben sind, auch wenn ich sie selbst nicht so formulieren würde: Glotzt beim Loben nicht nur nach oben, schaut auch mal zur Seite, dann seht ihr die Pleite.

Diese Aussage ist überspitzt und hat mir an seinen Predigten auch nicht unbedingt gefallen. Aber sie sagt: Gotteslob ohne Nächstenliebe, also den Blick nur zum Himmel und nicht auch zum Nächsten zu wenden, ist leer. Aber es gilt auch das Umgekehrte: Nur den horizontalen Blick zu kennen, ohne auch den Blick zum Himmel, kann zu Überforderung führen. Es fehlt dann der Rückhalt, die Bindung und der feste Grund. Beide Blickrichtungen sind wichtig: die nach oben und die zum Nächsten. Sie gehören untrennbar zusammen. Aus der Barmherzigkeit Gottes uns gegenüber erwächst die Aufgabe, selbst Barmherzigkeit anderen Menschen gegenüber zu üben mit dem, was mir gegeben ist. Im Grundgesetz steht ja der schlichte Satz: Eigentum verpflichtet. In Paulus Worten lese ich: Begabungen verpflichten. Sie verpflichten dazu, sie positiv zu nutzen, sie nicht nur zu Hause im stillen Kämmerlein zu nutzen, sondern sie zum Guten einzusetzen.

Das, was man kann und das, was man ist, an andere zu verschenken – das wäre ein alltagstauglicher Gottesdienst – auch ohne analoge Gottesdienste am Sonntag.

Jeder Mensch hat da seine Aufgabe. Davon bin ich überzeugt. Gott traut uns etwas zu. Der eine kann gut zuhören und so Menschen, die sich etwas von der Seele reden wollen, entlasten. Ein anderer kann beherzt mit anpacken, wo seine Hilfe gebraucht wird. Eine dritte kann beten. Und das ist doch eine ganz wichtige Aufgabe, zu beten, da, wo andere verstummt sind. Der nächste ist ein guter Berater, der andere ein Streitschlichter. Das sind nur wenige von den vielen Aufgaben, die Gott uns zutraut.

All diese Aufgaben haben etwas gemeinsam: Sie erwachsen aus einer bestimmten Gabe, die dem jeweiligen Menschen gegeben ist. Gott schenkt zuerst die Gabe: das Zuhören-Können, die Musikalität, die Fürsorge, das Organisationstalent. Und aus dieser Gabe erwächst die Aufgabe. Gott mutet uns also nur Aufgaben zu, zu denen er uns vorher bereits die Gabe geschenkt hat. Und Paulus sagt: Halte Maß! Halte nicht mehr von dir, als du kannst! Ich höre das als Entlastung. Es heißt: Konzentriere dich auf das, was du kannst und nutze diese Gabe sorgfältig. Du musst nicht alles können. Das heißt auch: Loslassen können, sich auf eine Aufgabe konzentrieren und andere Aufgaben Menschen überlassen, die von Gott dafür begabt worden sind. Sich nicht überlasten, sich aber auch nicht selbst unterschätzen.

Das wäre Gottesdienst im Alltag: Wenn ich mich nicht darin zurückhalte, das zu leben, was mir gegeben ist. Alltäglicher Gottesdienst, das hieße auch, den Alltag unter anderen Vorzeichen zu sehen: Als Ort, in dem ich das, was Gott mir geschenkt hat, nutzen kann, als Dienst an den Menschen, zu dem Gott mich befähigt. Vielleicht erstrahlt der Alltag aus dieser Perspektive in einem anderen Glanz. So kann jeder Tag zum Gottes-Dienst werden. Amen.

Wenn der Gesang der Engel verstummt ist,

wenn der Stern am Himmel untergegangen,

wenn die Könige und Fürsten heimgekehrt,

die Hirten mit ihren Herden fortgezogen sind,

dann erst beginnt das Werk von Weihnachten:

die Verlorenen finden,

die Zerbrochenen heilen,

den Hungernden zu essen geben,

die Gefangenen freilassen,

die Völker aufrichten,

den Menschen Frieden bringen,

in den Herzen musizieren.


Bleiben Sie behütet!

Es grüßt Sie ganz herzlich

Ihre Pfarrerin Johanna Ruppert

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