Andacht zum Jahreswechsel von Pfarrerin Ivona Linhart – Schulpfarrerin an den Kaufmännischen Schulen Hanau

30 Dez
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Vorbereitung

Ich lade Sie ein, dass Sie es sich bequem machen, wenn Sie diese Andacht zum Jahreswechsel lesen. Vielleicht zünden Sie sich eine Kerze an. Und schenken sich einen Tee oder Kaffee ein. Vielleicht können Sie sich einen kurzen Augenblick Zeit nehmen, zur Ruhe kommen, Ein- und Ausatmen, Gedanken kommen und auch wieder ziehen lassen, auf die Kerze schauen, die Wärme des Feuers spüren, den Tee oder Kaffee schmecken. Ganz bei sich ankommen. Die Last des Tages loslassen.  

Und ganz im Jetzt sein.

Gebet für das alte Jahr

(Lesen Sie es laut oder leise – ganz wie Sie mögen.)

Gott,
es ist erstaunlich, wie schnell das Jahr wieder vergangen ist.
Wo sind sie hin – die 365 Tage?
Welche habe ich achtlos vertan?
Welche konnte ich mit Sinn füllen?
Und wie war das Jahr auf das ich heute zurückblicke?
Es war ein außergewöhnliches Jahr für diese Welt.
So viele Tote auf der ganzen Welt!
Gott, die Toten und die Trauernden bringe ich vor Dich.
Noch Vieles aus diesem Jahr habe ich nicht verarbeitet.
So manche Sorge nimmt mich noch gefangen.
Ich frage mich: Wie wird es weitergehen?
Und ich bitte dich, dass ich diese Sorgen
als Gedankenwolken zu Dir ziehen lassen kann,
damit mein Gedankenkarussell ein Ende nimmt.
Wenn ich auf das letzte Jahr zurückblicke,
empfinde ich aber auch Dankbarkeit
für die Zeichen von Liebe und Sympathie in den Begegnungen.
Dankbar bin ich auch für die Zeit, die ich gut für mich nutzen konnte.
Danken will ich Gott, Dir, für Deine Gegenwart und Deinen Trost.
Amen.

Ein paar Gedanken zum Jahreswechsel

Liebe Gemeinde,

„Jede/jeder hat wenigstens einmal in seinem Leben einen großen Applaus, eine Standing Ovation, verdient für das, was er geleistet hat.“  heißt es in dem Film „Wunder“. Der Film handelt von dem jungen Auggie, der durch einen Gendefekt seit seiner Geburt ein verunstaltetes Gesicht hat und mit Ausgrenzung in seiner Schule klarkommen muss. Am Ende des Films bekommt Auggie von seiner Schulgemeinde aber eine Standing Ovation, weil er es geschafft hat Freunde zu finden und sich seinen Platz in der Schule erkämpft hat. Und Auggie denkt in diesem Augenblick an all die Menschen, die so vieles leisten, was von anderen nicht wahrgenommen wird und denkt, jeder Mensch hat einmal in seinem Leben einen solchen Applaus verdient. Der alte Mann, der sich um seine demenzkranke Frau kümmert. Das Mädchen, das ihren Freund verlassen hat. Die junge Frau aus Afrika, die sich durch ihre Ausbildung kämpft und durch die deutsche Sprache. Jeder Mensch hat mal etwas Besonderes gemacht, hat sich für andere eingesetzt, hat sein Leben in einer für ihn einzigartigen Weise bewerkstelligt. Wäre es nicht schön, für das, was für manche selbstverständlich erscheint – einmal einen solchen Applaus zu bekommen. Wofür hätten Sie Ihrer Meinung nach einen solchen Applaus verdient? Worauf sind Sie in Ihrem Leben stolz? Oder welche Menschen fallen Ihnen ein, die einen solchen Applaus für das, was sie machen, verdient hätten?

In diesem Jahr gab es ja einmal einen solchen Applaus für die Pflegekräfte und Krankenschwestern …von den Balkonen aus. Mal tut es sicherlich richtig gut, wenn eine solche Leistung gewürdigt wird. Ich denke, dass es manche gefreut hat, dass endlich mal jemand gesehen hat, was sie da Tag für Tag für die Gesellschaft leisten. Denn das ist es doch, was uns als Menschen manchmal fehlt, dass jemand sieht, was wir da leisten. Dass es nicht nur als selbstverständlich genommen wird. Dass jemand sieht, wie wir vielleicht trotz Krankheit oder anderer Beschwernisse unser Leben bewältigen. Dass jemand sieht, was wir uns im Leben aufgebaut haben – obwohl wir es gar nicht leicht hatten. Dass jemand sieht, wie wir unsere Kinder erziehen – oder erzogen haben. Dass jemand sieht, was wir für andere machen, für unsere Kirchengemeinde, für unseren Ort, für unseren Verein – für unsere Familie.

Und wäre es nicht schön, wenn es jemandem aufgefallen wäre, dass wir trotz Lockdown nicht verzweifelt sind? Ein Applaus für unsere Leistung würde uns doch mal guttun. Und wir hätten es doch auch verdient. Wenigstens am Ende eines solchen Jahres.

Heute blicken wir zurück auf das Jahr 2020. Es war ein besonderes Jahr. Erst kam der Anschlag in Hanau am 19. Februar – bei dem zehn Menschen getötet wurden. So nah dran an einem solchen Anschlag waren wir noch nie. Eine Tat voller Hass. Und dann kam die Pandemie. Sie hat uns über Wuhan, Bergamo, Ischgl – schließlich auch in Deutschland heimgesucht. Wir haben gelernt uns in dieser Pandemie zu bewegen, unsere Masken überallhin mitzunehmen, haben Abstand gehalten, die Hände besonders oft und gründlich gewaschen – und wir haben eine Menge neuer Worte gelernt….wie Lockdown, Aerosole, AHA-Regeln, FFP2-Maske, vulnerabel.  In der Schule haben wir Schulschließung, Wechselmodell und digitalen Unterricht in verschiedenen Formen kennengelernt. Im Kirchenvorstand – aber auch in anderen Gremien – haben wir uns plötzlich in Zoomsitzungen wiedergefunden. Und haben festgestellt, dass auch da vieles geht. Und wir haben uns oft diszipliniert, sind zuhause geblieben, haben Feiern abgesagt oder haben auf den Urlaub und auf die Besuche der Enkelkinder verzichtet. Und haben berufliche, finanzielle Schwierigkeiten gemeistert. Das alles ist uns oft nicht leichtgefallen. Doch die meisten von uns haben es geschafft psychisch halbwegs gesund durch diese Zeit zu kommen. Schon allein deswegen hätte jeder von uns einen Applaus verdient. 2020 neigt sich dem Ende zu.

Doch nun schauen wir auf ein neues Jahr, das vor uns liegt. 2021. Und wir fragen uns, was uns da erwartet. Wie wird das mit der Pandemie weitergehen? Jetzt, zwischen den Jahren erreichen uns Bilder von den ersten Impfungen. Das gibt neue Hoffnung.

Doch werden wir 2021 die Pandemie wirklich zurückdrängen können – vielleicht unsere Masken wieder dauerhaft ablegen können? Und wird es wirtschaftlich wieder bergauf gehen? Werden wir zur Normalität zurückkommen oder zu einer „neuen Normalität“? Doch selbst, wenn es gut laufen wird, das Jahr 2021 wird noch im Zeichen des C-Wortes stehen.

Aber auch trotz Corona können gute Augenblicke erlebt werden. Darauf dürfen wir uns 2021 freuen.

Und für die Durststrecken im Jahr 2021 müssen wir uns fragen, was uns trägt.

Mir hilft es – in Krisenzeiten – und in Übergangszeiten auf Gottes Wort zu hören. Im Jahresübergang ist es diesmal die Jahreslosung für 2021, die mich besonders bewegt. „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Lk 6, 36.

Barmherzigkeit – ist die Überschrift für das Jahr 2021. Wir sollen barmherzig sein.

Denn Gott ist barmherzig. Die Bibel erinnert an viele barmherzige Taten Gottes: die Flucht aus Ägypten, die Teilung des Schilfmeeres, die Bewahrung in der Wüstenzeit …und Weihnachten, Gott wird Mensch.  Menschen haben es früher erlebt, dass Gott sich ihnen zugewendet hat…und wir erleben das auch heute und dürfen auf das Mitgehen Gottes auch im neuen Jahr vertrauen.

Doch mit dem, was uns geschenkt wird, geht auch eine Verpflichtung einher: Seid barmherzig! Doch was ist Barmherzigkeit? Barmherzigkeit wird beschrieben als „dem anderen (fremden Menschen) das Herz öffnen“. Das klingt einfacher als es ist. Es heißt, sich berühren lassen von dem anderen. Mitschwingen – Mitfühlen – Empathie. Wir sollen Barmherzigkeit leben. Ein großer Anspruch. Um dieses Mitschwingen, Mitfühlen mit dem anderen muss ich mich Tag für Tag neu bemühen.

Und seien wir ehrlich, dem fremden Menschen, mit 1,5m Abstand, kontaktlos und mit Mundschutz das Herz zu öffnen, ist nicht so einfach. Doch gerade in diesen Distanzzeiten brauchen wir Zeichen von Nähe und Liebe.

Und noch ein Weiteres fällt mir auf an dem „Seid barmherzig.“ Die Barmherzigkeit ist auch für mich bestimmt. Achtsam sollen wir auch mit unseren Gefühlen umgehen. Wenn ich in einem guten Kontakt mit mir bin, es mit mir alleine in den vier Wänden aushalte, bin ich auch offener für mein Gegenüber.

Es gibt für Barmherzigkeit ja eine bekannte Beispielerzählung im Neuen Testament: Der barmherzige Samariter. Da wird jemand überfallen, ausgeraubt, verprügelt liegengelassen auf einer Straße. Derjenige, der das Leid dieses Menschen sieht und sich davon erreichen lässt, wird ihm helfen. Es ist ein Samariter, der zu einer wenig geschätzten Minderheit gehört – und der auch einem anderen Glauben angehört. Dieser hilft. Er leistet Erste Hilfe, hilft demjenigen auf den Esel, bringt ihn in eine Herberge – und lässt Geld da, damit der Gastwirt sich auch noch in den nächsten Tagen um ihn kümmert. Barmherzigkeit – ist sehr konkret. Doch am Beginn steht das Mitgefühl. Sich anrühren lassen von dem Menschen, der mir begegnet. Gefühle zulassen. Barmherzigkeit – da steckt das Herz drin. Doch wie offen ist unser Herz für andere. Gott hat sich uns geöffnet, hat sich auf den Weg zu uns gemacht, hat unseren Gefühlen nachgespürt bis zur Gottverlassenheit am Kreuz. Gott hat sich auf all das eingelassen. Auf wen lassen wir uns ein? Und wer braucht unsere Barmherzigkeit.

Und wird es uns gelingen barmherzig zu sein …im neuen Jahr?

Warum sind wir manchmal unbarmherzig? Auch wir in der Kirche? Quarks, eine Wissensendung hat mal einen Test gemacht. Sie hat eine Gruppe von Studenten sich mit dem Text vom Barmherzigen Samariter beschäftigen lassen. Und dann hat sie einen Teil der Gruppe unter Zeitdruck gesetzt, ihnen noch zusätzliche Aufgaben gegeben. Sie mussten dann in ein anderes Unigebäude gehen, etc… Und auf dem Weg mussten alle an einem scheinbar hilfsbedürftigen Menschen vorbei. Es zeigte sich, dass jene, die Zeit hatten, dem hilfsbedürftigen Menschen geholfen haben. Die anderen waren weniger hilfsbereit. Zeitdruck hemmt also die Bereitschaft zu helfen. Ich folgere darauf: Barmherzigkeit braucht einen achtsamen Umgang auch mit meiner Zeit. Immer wieder muss ich lernen ganz im Hier und Jetzt zu sein. Wenn ich innerlich meine Listen abarbeite, wird das mit der Barmherzigkeit schwierig. Und ich muss offen dafür sein, mich von einem Mitmenschen und von Gott unterbrechen zu lassen.

Doch welche Menschen werden uns begegnen – im neuen Jahr 2021. Sicherlich werden unsere Kontakte erstmal noch einige Monate weiterhin reduziert sein. Doch auch so – wir begegnen unserem Partner, der Partnerin – den Kindern, den Enkelkindern, den Eltern, den Großeltern, den Nachbarn, dem Verkäufer – der Verkäuferin – dem Mitmenschen auf der Straße. Den Menschen, denen wir begegnen, sollen wir das Herz öffnen – mitfühlen, mitschwingen. Aber auch der hilfsbedürftige Mensch in der Ferne braucht meine Aufmerksamkeit.

Dieser Andacht liegt ein Lesezeichen bei, das Sie im Jahr immer mal an die Jahreslosung erinnern soll. Es zeigt zwei Frauen, zwei Menschen, die einander zugewandt sind, sich die Hände reichen – und auf diesen Händen steht ein Herz. Wenn sich Menschen zuwenden, sich Zeit füreinander nehmen, kann etwas entstehen ….wie Liebe und Sympathie. Beziehung wird möglich. Über dem Herzen ist ein Schmetterling. Ein Schmetterling, der symbolisch für die Verwandlung steht – von einer eher unscheinbaren Raupe zu einem wunderschönen Schmetterling. Auch unsere Beziehungen können sich so verwandeln, wenn wir das zulassen. Sicherlich gelingen Beziehungen nicht immer, aber getragen von der Jahreslosung, von Gottes Zuspruch für das Jahr 2021 können manche Beziehungen auch neu werden.

Jeder Mensch möchte gerne wahrgenommen werden und hat es verdient gesehen, wirklich gesehen zu werden. Am Beginn der Barmherzigkeit steht das Öffnen des Herzens, die Hinwendung zu einem Menschen. In Distanzzeiten brauchen wir emotionale Zuwendung besonders. Und wenn ein Mensch spürt, dass wir ihm den Applaus zollen, sehen, was er in dieser Pandemie für die Gesellschaft leistet, dann wird er uns auch ein wenig das Herz öffnen können. Darin steckt die Chance dieses Jahr!

In diesem Sinne – und mit Gottes Geist und Kraft – wünsche ich uns allen ein barmherzigeres Jahr 2021! Unsere Gesellschaft braucht einen barmherzigeren Umgang. Wir müssen den Verschärfungen des Sozialen dort, wo wir unterwegs sind, entgegen treten. In diesem Sinn Herz statt Hass.
Amen.

Gebet für ein neues Jahr und Vaterunser

Gott,
wir bitten Dich für das Jahr 2021
um Bewahrung und Schutz,
um Genesung für die Kranken,
um Trost in schweren Momenten,
um Begleitung für Sterbende,
um Kraft für das Pflegepersonal und die Ärzt*innen,
um Weisheit für die Politiker*innen,
um Geduld in Pandemiezeiten uns allen,
um sichere Zufluchtsorte für Flüchtlinge und andere Menschen in Not.

Gott,
wir danken Dir für dein barmherziges Wirken.
Und wir bitten Dich, dass es uns hier und da gelingt,
unser Herz zu öffnen, barmherzig zu sein
mit den Menschen, denen wir begegnen.

Vater unser im Himmel
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit
in Ewigkeit.
Amen.

Lied „Jerusalema“

Wenn Sie Lust haben, hören Sie sich doch das Lied „Jerusalema“ an. Zu dem Lied wurde ein Tanz entwickelt um den Menschen in der Corona-Zeit Mut zu machen.

Verschiedene Institutionen tanzen den Tanz und stellen ein Video davon auf YouTube.

Ich habe eine Version rausgesucht, die mich angesprochen hat: Das Klinikum Stuttgart. Vielleicht haben Sie ja Lust, ins neue Jahr hineinzutanzen. Mein Herz wird durch die Musik, die Bilder und die Bewegung beschwingter. Und tanzend weiß ich mich verbunden mit vielen Menschen auf der Welt, die gegen Corona kämpfen.

Segen

(Vielleicht finden Sie einen Menschen,
dem Sie diesen Segen zusprechen können
und der Ihnen diese Worte zuspricht.
Denn der Segen ist am Schönsten,
wenn er Zuspruch ist. Das geht auch telefonisch.
Haben Sie jemanden gefunden?)

Gott segne Dich
An jedem Tag des nächsten Jahres 2021,
dass Deine Tage froh und zuversichtlich sind
und Deine Wege nicht zu steil und zu steinig –
und ein Engel sei stets an Deiner Seite.
So segne Dich der barmherzige Gott
auf dass Dein Herz frei und leicht werde.
Amen.

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