I

Zu den jährlich sich wiederholenden Ritualen in der Advents- und Weihnachtszeit gehören für mich von frühester Jugend an das Hören des Weihnachtsoratoriums von Johann Sebastian Bach. Schon in der ersten der insgesamt sechs Kantaten, die in den Gottesdiensten zwischen dem ersten Weihnachtsfeiertag 1734 und Epiphanias (6. Januar) 1735 in Leipzig erstmals in der Thomas- und Nicolaikirche von J.S.Bach erklangen, eröffnet Bach mit einem festlichen, von Streichern, Blech- und Holzblasinstrumenten und Pauken begleiteten Chor auf musikalischer Weise die Vertonung der Weihnachtsgeschichte. „Jauchzet, frohlocket, auf preiset die Tage, rühmet, was heute der Höchste getan…“.

Hier wird die frohe Botschaft von der Geburt des Gottessohnes in einem Stall in Bethlehem, festlich – sozusagen als „klingende Predigt“ (Bouman) eingeleitet und endet – wieder strahlend – nach vielen wunderschönen Chören, Rezitativen und Arien – mit einem Schlusschor, der gleichsam theologisch einen Schlusspunkt setzt: „…Denn Christus hat zerbrochen, was euch zuwider war. Tod, Teufel, Sünd und Hölle sind ganz und gar geschwächt. Bei Gott hat seine Stelle das menschliche Geschlecht“.

Schon beim Schreiben merke ich, wie sehr mich die Musik Bachs innerlich anrührt und welche Stimmung sie in mir auslöst – ich kann sie kaum in Worte fassen. Wenn ich sie mit einem Bild beschreiben sollte, dann vielleicht dieses, dass ich gleichsam den Hirten – tief angerührt vor einem neugeborenen Kind stehe und das Wunder spüre, das sich hier (so wie bei eigentlich bei jeder Geburt) ereignet. Dieses Kind aber ist ein besonderes Neugeborenes: Es bekommt vom Engel wundersame Namen „Heiland“, „Sohn des Höchsten“ genannt. Er wird König sein und sein Reich wird kein Ende haben (Lk 1, 33). Wahrlich werden die Hirten Zeugen eines wohl einmaligen Wunders.

Wir feiern dieses Wunder in den kommenden Tagen des Jahres 2020. Wir feiern diese wunderbare Geburt in festlichen Gottesdiensten, singen die alten Lieder, mit denen sich so viele (Kindheits-) Erinnerungen verbinden und gestalten diese Festzeit mit Traditionen, die sich seit vielen Jahrhunderten um dieses große Fest der Christenheit entwickelt haben.

Ich stocke beim Schreiben und merke, wie mich die Realität von 2020 einholt. Ich schaue in die Kerze, die auf meinem Schreibtisch steht und empfinde in diesem Moment Traurigkeit und auch ein wenig Ratlosigkeit: Wie soll ich denn in diesem Jahr Weihnachten feiern? Draußen vor der Haustür wütet eine Pandemie, Weihnachtsmärkte und große Zusammenkünfte sind verboten. Ja, wir dürfen Gottesdienste feiern aber gerade das, was zu den festlichen Advents- und Weihnachtsgottesdiensten gehört – das Singen in der Gemeinde oder im Chor, das Zusammenstehen an der Krippe und das gemeinsame Sitzen im Freundes- und Familienkreis unterm Christbaum muss in dieser Zeit aus ganz verständlichen Gründen unbedingt unterlassen werden.

Ich weiß, Weihnachten findet in 2020 auch ohne festliche Gesänge und volle Kirchen statt – und doch spüre ich die Gefühle, die damit für mich einhergehen. Wie gerne würde ich …. und vielleicht geht es Ihnen ja nicht anders.

II

Für mich hat die Zeit nach Weihnachten, die sogenannte „Zeit zwischen den Jahren“, immer schon einen weiteren besonderen Reiz: Das Alte ist noch nicht vergangen. Und das Neue ist noch nicht da. Die Zeit scheint irgendwie stehen zu bleiben. Dieser Eindruck wird ja noch durch die vielen Feiertage verstärkt, die den Wochenrhythmus außer Kraft setzen. Der Blick richtet sich zurück: „Was war dieses Jahr?“ Wo blicke ich auf schöne Erfahrungen zurück? Welche Wege haben mir vielleicht auch eine große Kraftanstrengung abverlangt? Das gilt doch in besonderer Weise auch für das zu Ende gehende Jahr 2020.

Ich persönlich habe das Gefühl, dass sich – den zahlreichen Alltagsregeln zum Trotz – zu manchen Menschen noch einmal eine ganz andere, vielleicht auch eine neue Tiefe der Beziehung entwickelt hat. Auch spüre ich hier und dort, dass sich so manche Gespräche – nicht nur mit mir vertrauten Menschen – im Laufe der vergangenen Wochen und Monate verändert haben und ich mich an so manche Begegnungen dankbar erinnere.

Woran erinnern Sie sich – wenn Sie an dieses besondere Jahr mit seinen großen Herausforderungen denken – auch mit Dankbarkeit? Was hat Sie gestärkt in diesem Jahr? Wo spüren Sie vielleicht auch eine Erschöpfung und den großen Wunsch, neue Kraft zu tanken? Da mag es ja vielleicht auch Wünsche geben, was in 2021 überwunden werden soll? Wo soll es hell werden, wo vielleicht etwas im eigenen, persönlichen Leben an Klarheit gewinnen? Wo also soll das Weihnachtslicht, Christus, das Licht der Welt, es hell erleuchten?

An Weihnachten zünden wir Kerzen an. Ich zünde an Weihnachten 2020 eine Kerze an für so vieles, das mich dankbar auf dieses Jahr schauen lässt. Ich zünde aber auch eine Kerze an, damit dorthin Licht gelangen möge, wo es bis jetzt noch dunkel ist und sich vielleicht auch noch schwer anfühlt.

Wie gerne würde ich diese Kerze vor dem Weihnachtsgottesdienst in der Christnacht anzünden und mit vielen anderen Menschen gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen. Wie gerne würde ich in diesem Jahr in festlicher, großer Runde so Weihnachten feiern wie ich es seitdem ich denken kann, gewohnt bin. Dass in diesem Jahr zu lassen, fällt mir schwer.

Die Botschaft des Kindes hilft mir dabei, meine Weihnachtstraditionen in diesem Jahr um eine Freiheit, um eine Möglichkeit, Weihnachten zu feiern, zu erweitern und mit neuen Erfahrungen zu füllen. Wie das geschehen kann?

Er, der gekommen ist, damit Menschen das Leben in Fülle haben (vgl. Johannesevangelium 10,10) ist Mensch für Menschen geworden. Jesus hat an Menschen, was krank war, heil gemacht. Jesus ist für jeden Menschen eingetreten und hat gezeigt, wie wichtig und wie geliebt die Menschen von Gott sind. Diese Liebe geht so weit, dass das neugeborene Kind einmal alle Schmach der Welt aus Liebe tragen wird.

Mein Weihnachten in 2020 soll und wird sich von diesen Gedanken leiten lassen. Ich will unbedingt für den Schutz meines Nächsten eintreten. Ich spüre, was und wer mir an Weihnachten fehlen wird und merke doch, wie besonders wichtig in diesem Jahr das wird, was doch als Auftrag Jesu von jeher an mich ergangen ist: Dass ich mich für das Leben der Menschen einsetze, Lebensmöglichkeiten fördere und den Nächsten in ganz besonderer Weise – nicht nur zu Weihnachten – im Blick habe.

III

Jubelnd und festlich erklingt das Weihnachtsoratorium in den sechs Kantaten – aber auch ganz still und leise wird in vielen Arien und Rezitativen dem Weihnachtswunder gedacht.

Wie soll ich Dich empfangen und wie begegnen dir? Wie kann ich in diesem Jahr denn „so richtig“ Weihnachten feiern wo ich doch weiß: Weihnachten findet statt?

Ein Choral in den sechs Kantaten lässt mich aufhorchen: „Ich steh an deiner Krippen hier, oh Jesu du mein Leben. Ich komme, bring und schenke dir, was du mir hast gegeben. Nimm hin es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm´ alles hin und lass dir´s wohlgefallen“ (EG 37).

Im Weihnachtsoratorium ist dieser Choral ganz einfach instrumentiert. Weder Trompeten noch Pauken begleiten die Sänger – nur wenige Streicherstimmen unterstützen den Chorgesang. „Nimm hin, es ist mein Geist und Sinn, Herz, Seel und Mut, nimm alles hin und lass dir´s wohlgefallen.“

Dieses Jahr stehe ich so an der Krippe – alleine – ohne Gottesdienst. Dieses Jahr besuche ich die offene Kirche während der Weihnachtstage, wohl spürend, dass ich vertraute und liebgewonnene Weihnachtstraditionen vermisse. Und doch glaube ich, dass ich dort (oder vor der Krippe in meinem Wohnzimmer) alles habe, was ich zum Weihnachtsfest wirklich brauche: Das Kind in der Krippedas ist das Weihnachtsgeschenk Gottes.

Und dieses Geschenk an mich soll zu mir kommen, in mir Platz und Raum einnehmen – in mir groß werden: „So lass mich doch dein Kripplein sein; komm, komm und lege bei mir ein, dich und all deine Freuden“ (Vers 9 in EG 37).

So kann für mich in diesem Jahr Weihnachten werden. Und wenn ich dann an der Krippe stehe und ich für mich alleine singe „Ich steh an deiner Krippe hier, o Jesu, du mein Leben…“, dann nehme ich all die mit in die Christusschau hinein, die jetzt nicht hier stehen können. Nehme die Kranken und Sterbenden mit an die Krippe – singe und bete für all die Menschen, die gerade woanders sind und arbeiten – arbeiten damit wir nächstes Jahr wieder mit vielen anderen in den Kirchen stehen können und wieder so singen und beten dürfen, wie wir das gerne – und nicht nur in der Advents- und Weihnachtszeit tun.

So wünsche ich Ihnen einen schönen 4. Advent und dann ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest 2020

Andrew Klockenhoff
Schulpfarrer an der Bertha-von-Suttner-Schule, Nidderau