Pfarrer Dr. Steffen Merle wechselt als Leiter des Sozialreferats der EKD nach Hannover

Der Abschied unter Corona-Bedingungen wird den zwölf Jahren als Gemeindepfarrer in Kilianstädten-Oberdorfelden nicht gerecht. „Abschied nehmen ist schwerer als ankommen“, sagte Dr. Steffen Merle und blickte gedankenvoll auf den Johanneskirchplatz. Zeit zum Gespräch fand der Gemeindepfarrer, Leiter der evangelischen forums+, Lehrbeauftragter und Direktor des Instituts für Wirtschaft und Sozialethik (IWS) in seinem Büro in Hanau, das er in Kürze ausräumen wird.

Im März 2008, am Sonntag Laetare hielt Pfarrer Merle seinen ersten Gottesdienst in der evangelischen Kirchengemeinde, die damals „vor dem Aus“ war, wie der Hanauer Anzeiger über die Situation berichtet hatte. Keine leichter Einstieg also für den damals 39-Jährigen. Aber im Rückblick überwiegt, was der Kirchenvorstand mit Neben- und Ehrenamtlichen in dieser Zeit erreicht hat. Es gab große Strukturveränderungen, das Gemeindebüro wurde nach Kilianstädten verlegt, die Pfarrbezirke wurden zusammengelegt und die pfarramtliche Arbeit neu organisiert. „Wir haben nicht alles anders gemacht“, so Merles Bilanz, „entscheidend ist, dass sich die Haltung dahinter verändert hat.“ Er habe im Laufe der Zeit gelernt, Kirche von außen zu betrachten. Ausgangspunkt dieses Prozesses war das verlockende Angebot von Dekan Dr. Lückhoff, an die Pfarrstelle Kilianstädten ein wissenschaftliches Pilotprojekt anzubinden. Die Fragestellung lautete, wie man an die Kirchenbindung neuer Bürger anknüpfen und diese als Mitglieder gewinnen könne. Mit dem kreativen Kopf Otto Löber und einem Team von Menschen, von denen manche „mit Kirche wenig am Hut hatten“, nutzte Merle diese einmalige Gelegenheit, ungewöhnliche, neue Sachen zu machen. Diese Arbeit habe seine eigene Perspektive als Pfarrer verändert, so Merle im Rückblick. Er halte es mit Dietrich Bonhoeffer, dass Kirche für andere da sein müsse. Die Resultate des kirchlichen Projekts „Allee Süd“ flossen in die Dissertation ein, die bei Doktorvater Prof. Dr. Wolfgang Nethöfel weiter ausgebaut und 2014 unter dem Titel „Mitglieder gewinnen.“ publiziert wurde.

Die ersten Texte der Doktorarbeit waren bereits während seiner Zeit als Repetent der Hessischen Stipendiatenanstalt entstanden. Das Amt des Repetenten schloss sich an das Theologiestudium in Marburg und Heidelberg und an das Vikariat an. 1999 erhielt Steffen Merle die Ordination durch Bischof Zippert. Die Aufgaben und Pflichten als Studentenpfarrer und als vierfacher Familienvater ließen wenig Spielraum für das wissenschaftliche Arbeiten. „Das war selbst mir zu viel“, sagte Merle, ein Satz, den der aktive, willensstarke und dynamische Pfarrer, der Diskussionen und Debatten nicht scheut, eigentlich nicht kennt. An die dreijährige Zeit als Repetent schloss sich 2002 bis 2008 das Pfarramt in Neuenstein im Kreis Hersfeld an.

Seit Sonntag Laetare 2008 ist viel passiert in Kilianstädten und im Kirchenkreis. 2015 übernahm Johanna Ruppert die seit 2014 vakante Pfarrstelle II in Kilianstädten-Oberdorfelden, die wie Merle das Miteinander in der Kirche betont. „Eine geniale Teamarbeit und blindes Vertrauen“ so Merle, „zeichnet die Zusammenarbeit aus.“ Sommergottesdienste im Garten, Veranstaltungen auf der Hohen Straße, unvergessliche Zeiten in der Konfiarbeit und vieles mehr bleiben in bester Erinnerung. Über konfessionelle und landeskirchliche Grenzen hinweg arbeiten in der Essensbank Schöneck die evangelischen Kirchengemeinden Kilianstädten-Oberdorfelden, die Andreasgemeinde Büdesheim, die Kolpingfamilie Kilianstädten und die Heilig-Kreuz Gemeinde Büdesheim, sowie die Gemeinde Schöneck zusammen. Im Rahmen des Sozialforum Schöneck fand im Februar dieses Jahres die Sozialmesse statt, eine Veranstaltung für die Pfarrer Merle als Referentin Cornelia Coenen-Marx für Schöneck gewinnen konnte. Der vier Wochen später geplante Start des Hessencampus „Wirtschaft und Integration“, den Steffen Merle als Leiter des evangelischen forums +, geplant hatte fiel dem ersten Pandemie-Lockdown zum Opfer. Die Einrichtung für Erwachsenenbildung machte über Hanau hinaus im Jahr 2018 mit dem Festjahr „200 Jahre Hanauer Union“ von sich reden. Als Herausgeber zeichnet sich Steffen Merle für den Sammelband zur Hanauer Union verantwortlich, die in der Fachwelt viel beachtete Festschrift ‚zusammen in Vielfalt glauben‘. Seine Einleitung hierzu sei viel diskutiert worden, so Merle. Auch an der Hanauer Erklärung, dem Positionspapier des Kirchenkreises, das große Resonanz erzeugte, hatte der Leiter des evangelischen forums + maßgeblichen Anteil.

Pfarrer Merle bezeichnet sich als Grenzgänger, als jemand, der gerne verschiedene Perspektiven auf Kirche im Blick hat. Mit der Berufung zum Leiter des Referats für Sozial- und Gesellschaftspolitik in das Kirchenamt der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) wird er nun die gesamtgesellschaftliche Perspektive der Kirche vertreten. „Die Berufung durch den Rat der EKD ist Herausforderung und Ansporn zugleich“, so Merle. Andererseits sind die Aufgabenschwerpunkte des traditionsreichen Sozialreferats „seine“ Themen: unter anderem Wirtschaftethik, sozialethische Fragen der Digitalisierung, soziale Sicherungssysteme, Diakonie oder Zivilgesellschaft und Ehrenamt. Positionen und Strategien weiterdenken, Verbände beraten, Aufgaben der Geschäftsführung gehören ebenfalls dazu. Zugeordnet ist der Leitung des Sozialreferats beispielsweise die Kammer für soziale Ordnung, der Vorstand und Wissenschaftlicher Beirat des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD (SI).

Einen kurzen Moment habe er sich gefragt, ob er, der im Pfarramt meistens einen bunten Hut aufhatte, nun als Oberkirchenrat in das Kirchenamt der EKD passe. „Aber die theologischen Diskurse, die sich dort bündeln, bieten mir die reizvolle Gelegenheit, mich und meine Positionen einzubringen“, sagte Merle.