Der Trauer Zeit und Raum geben

20 Nov
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Der letzte Sonntag im Kirchenjahr, der Totensonntag, ist dem Gedenken der Verstorbenen gewidmet. In diesem Jahr hat das gemeinsame Trauern und Andenken für viele Menschen eine besondere Bedeutung. Damit möglichst alle trauernde Angehörige an einem Gottesdienst teilnehmen können, finden in nahezu allen Kirchengemeinden mehr Veranstaltungen als gewöhnlich statt.

„Die Pandemie hat die Trauerkultur nachhaltig verändert,“ sagt Pfarrer Lukas Ohly aus Ostheim. Die Verunsicherung ist groß und beginnt bereits bei Kondolenzbesuchen. Wie kann man seine Anteilnahme zeigen, wenn Besuche, direkte Gespräche und Umarmungen nicht möglich sind? Besonders während des ersten Lockdowns im Frühjahr war nur ein kleiner Kreis von zehn bis 20 Personen bei einer Bestattung zugelassen. Der Abschied in einer größeren Gemeinschaft fand nicht statt, es gab keinen Beerdigungskaffee, das Bürgerhaus war geschlossen. Diese Rahmenbedingungen waren für trauernde Angehörige doppelt hart. Aber auch als Seelsorger fühlt man sich sehr ohnmächtig, wenn Trauernde völlig verlassen auf dem Friedhof stehen. Doch die Einsamkeit, die während der ersten Trauerfeiern zu spüren war, hat sich gelegt. Man ist nun gewohnt Masken zu tragen, viele Menschen sind inzwischen sehr empfindsam für Blicke geworden.

Mit ‚Corona‘ wandeln sich auch Formen der Seelsorge, Trauergespräche und Kondolenzbesuche. Seit Beginn der Pandemie finden Trauergespräche überwiegend am Telefon statt. Dies war zunächst sehr ungewohnt, findet inzwischen aber mehr Akzeptanz. Einigen Menschen fällt es am Telefon sogar leichter, über ihre Trauer zusprechen. Auch Videokonferenzen werden als hilfreich wahrgenommen, insbesondere wenn Angehörige weit weg wohnen. Dann nehmen Familien diesen Vorschlag gerne an. Die Online-Gespräche und Telefonate sind häufig fokussierter und zielgerichteter als face-to-face Gespräche. Auch dies muss kein Nachteil sein, denn die Beratung über den Ablauf einer Trauerfeier benötigt durch die neuen Rahmenbedingungen sehr viel Zeit.

Die gesamte Entwicklung ist ambivalent. Es kann immer weniger Öffentlichkeit bei einer Trauerfeier mitfühlen. Bleibt Trauer ein Thema für die Gemeinschaft? Bleiben die Hinterbliebenen allein oder werden sie gehalten? Am Totensonntag zünden Kirchenvorsteher Kerzen für die Verstorbenen an, eine Symbolik in doppelter Form. Auch wenn die Gottesdienste kürzer sind, ein guter Gottesdienst zum Totensonntag bleibt ein wichtiges Anliegen der Pfarrerinnen und Pfarrer im evangelischen Kirchenkreis.

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