Dietrich Bonhoeffer zeitgemäß erklärt

28 Okt
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Autorengespräch mit Prof. Wolfgang Huber

Der Evangelische Kirchenkreis Hanau hatte am vergangenen Mittwochabend Prof. Dr. Wolfgang Huber per Videokonferenz zu Gast. Der frühere Ratspräsident der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) sprach mit Dr. Manuel Goldmann (Pfarrer Kirche am Limes) über Leben und Werk Dietrich Bonhoeffers und stand im Anschluss für Fragen der Teilnehmenden zur Verfügung. Auch für theologische Laien, die bislang wenig mit Dietrich Bonhoeffer in Berührung gekommen sind, sind die Ausführungen von Wolfgang Huber zum Nachhören auf der Mediathek des Kirchenkreises empfehlenswert. Hörenswert ist zudem der wenig bekannte Text „Der Blick von unten“ von 1942, der einen Einblick in die Intensität und die Ursprünglichkeit von Bonhoeffers Denken vermittelt.

Anlass des intensiven und sehr aufschlussreichen Autorengesprächs ist der 75. Todestag des evangelischen Theologen und Widerstandskämpfers, dessen Texte Wolfgang Huber seit seiner Jugend begleiten. Huber ist zudem Herausgeber von Bonhoeffers Schriften und Autor des Buches „Dietrich Bonhoeffer: Auf dem Weg zur Freiheit“, das für Laien und Theologen gleichermaßen lesenswert geschrieben ist.

Zu Beginn der digitalen Veranstaltung überraschte Wolfgang Huber die Teilnehmenden mit sehr offenen Worten darüber, wie Dietrich Bonhoeffer zu seinem „prägenden Lebensthema“ geworden ist: Bereits als Jugendlicher habe er im Religions- und später Geschichtsunterricht Bonhoeffers Texte gelesen. Ein paar Jahre später, als leitendes Mitglied der Pfadfinderschaft diskutierte er die Schriften des evangelischen Theologen in einer einsamen Hütte mit einem Freund. Auch wenn Leben und Werk Bonhoeffers nicht zu Hubers Studienschwerpunkt zählten, so war die Haltung des Theologen Bonhoeffers präsent, als sich Huber mit der Position seines Vaters, eines Juristen, während der NS-Diktatur auseinandersetzte und sich der Familiengeschichte stellte. Sehr viel später, 1967, als Wolfgang Huber bereits eine Stelle als Vikar angenommen hatte, wurde Bonhoeffers Biografie veröffentlicht. „Ich habe das Buch verschlungen“, sagte Huber. Seither habe er alles zu Dietrich Bonhoeffer gelesen, sich durch die gesammelten Schriften regelrecht „durchgekämpft“. Als Professor für Ethik in Marburg behandelte er im Studienseminar Bonhoeffers Ethik. „Schließlich kam die Überlegung auf, der bisherige unsystematische Charakter der Veröffentlichung könne so nicht bleiben“, erinnerte sich der frühere Ratspräsident, und so sei er plötzlich mittendrin gewesen in der Forschung über Bonhoeffer und der Edition seiner Texte und dies sei bis heute so geblieben.

Huber betonte in seinen Ausführungen die Einheit von Leben und Werk. „Man muss die Lebensgeschichte und das theologische Werk zusammen sehen.“ Dietrich Bonhoeffers Ethik ist beispielsweise ab 1940 in einer Zeit entstanden, als der Theologe bereits Schreib- und Redeverbot hatte. Er war Teil der Konspiration gegen Hitler und wusste, „wenn die Gestapo diese Ethik zu lesen bekommt, dann ist es um ihn geschehen. Dass wir hier die volle Theorie des Widerstands finden, ist erstaunlich.“ ‚Bonhoeffers Ethik’, die vor diesem Hintergrund entstanden ist, zeitgemäß zu verstehen, ist das Anliegen von Wolfgang Huber. Er verstand es, komplexe Themen wie die Theorie der Schuldübernahme, die Theorie der Verantwortung, das Verhältnis von Verantwortung und Freiheit eindringlich und für Laien verständlich nahe zu bringen. Das Interview mit Pfarrer Goldmann macht nicht nur neugierig auf Dietrich Bonhoeffer, sondern regt auch dazu an, das eigene Denken und Handeln zu reflektieren.

Für die Zukunft der Kirche sieht Huber durchaus einige Impulse, die von Bonhoeffer ausgehen können. Ein Schwerpunkt sei beispielsweise das praktische Tun: Was kann jeder beitragen, damit Kirche eine Kirche für andere werden könnte. Dabei hätte die Pfarrerschaft Bonhoeffer zufolge eine wichtige Schlüsselposition. Bonhoeffer stehe auch für den Wunsch nach geistlicher Erneuerung und dafür, dass die Kirche ihr Verhältnis zu Israel erneuern müsse.

Dietrich Bonhoeffer hatte bereits 1932 ein klares Bewusstsein dafür, dass die Übergriffe des Staates gegen Juden mit seinem Glauben unvereinbar seien. Mit dem Bonhoeffer Zitat „Nur wer für die Juden schreit, darf gregorianisch singen“ (1938) machen Pröpstin Sabine Kropf-Brandau und Dr. Robert Brandau aus Bad Hersfeld auf Bonhoeffers Zivilcourage und auf seinen einsamen Weg innerhalb der Kirche aufmerksam. Dietrich Bonhoeffer gehörte zu den wenigen Christen während der Zeit des Nationalsozialismus, die nicht nur um den Erhalt der evangelischen Kirche besorgt waren oder im vorauseilenden Gehorsam die „judenreine“ Kirche auf ihre Fahnen schrieben.

Zur Livestreamaufzeichnung mit Wolfgang Huber

Donnerstag, 12.11.2020, 19:30 – 20:30 Uhr.

Bonhoeffer und die Juden

Dialogvortrag von Pröpstin Sabine Kropf-Brandau und Pfarrer Dr. Robert Brandau (Bad Hersfeld) Um die Zugangsdaten zur Video-Konferenz (Zoom) zu erhalten, schreiben Sie bitte bis zum 10. November eine kurze Mail an steffen.merle@ekkw.de

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