Aufgeben gilt nicht.

30 Sep
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So war es beim ersten digitalen Gottesdienst des evangelischen Kirchenkreises im Livestream – Pröpstin Sabine Kropf-Brandau im Live Chat.

Sonntagabend, 17.45 Uhr. Ich klappte den Laptop auf, Kerze und Streichholz liegen bereit. Der Link auf der Website des Kirchenkreises ist schnell gefunden, noch eben das Kennwort kopieren, ich loggte mich ein. Um 18.00 Uhr soll es losgehen: Unter dem Motto „Aufgeben gilt nicht“ geht der erste digitale Live-Gottesdienst des evangelischen Kirchenkreises Hanau ca. 45 Minuten auf Sendung. An diesem Abend verantwortlich für Ablauf und Technik sind Pfarrer Stefan Axmann von der Stadtkirchengemeinde Hanau und City Pastoral sowie Jens Heller, Gemeindepfarrer in Maintal-Bischofsheim und stellvertretender Dekan des Kirchenkreises. Ich bin eingeloggt, ein Foto von Jens Heller erscheint auf dem Bildschirm. „Talking Jens Heller“ stand da, zu hören war nichts.

Live Gottesdienste des Kirchenkreises sind ein Format, das an diesem Sonntagabend neu startete. Die neu gegründete Arbeitsgruppe ‚Digitaler Kirchenkreis‘ befasst sich mit der Frage, welche digitalen Angebote künftig sinnvoll erscheinen. Mit Beginn des Lockdowns sind in vielen Gemeinden sehr viele unterschiedliche digitale Formate entstanden“, erläuterte Jens Heller am Telefon. „Jede Gemeinde hat etwas auf die Beine gestellt. In Sachen Digitalisierung haben wir einen enormen Schub erlebt.“ Auf Dauer sei dies in der Breite und Vielfalt nicht zu halten, da Gottesdienste und analoge Veranstaltungen wieder anliefen und zudem durch Hygienekonzepte mit mehr Aufwand verbunden seien. Der evangelische Kirchenkreis wolle aber die positiven Erfahrungen und Impulse aus dem Shutdown mitnehmen und seine digitalen Angebote verstetigen.

Derzeit sammelt und analysiert die AG des Kirchenkreises die unterschiedlichen Formate. Podcasts waren entstanden, Videoandachten, ein digitaler Bibelkreis war ins Leben gerufen worden. Livestreaming Gottesdienste gab es bereits aus der St. Jakob Kirche in Bruchköbel und in Bergen-Enkheim, wo ein Konfirmandengottesdienst live übertragen wurde. „Wir haben mit diesen Angeboten positive Erfahrungen gemacht“, so Pfarrer Heller. „Vor allem aber erreichen wir wieder Menschen, die vor Corona aus ganz unterschiedlichen Gründen den Gottesdienst nicht mehr besuchen konnten. Wir sind uns einig, dass die digitalen Angebote die Gottesdienste und Veranstaltungen in der Kirchengemeinde nicht ersetzen, aber sinnvoll ergänzen. Daran arbeiteten wir.“

Stefan Axmann ergänzte, dass die Quote einiger digitaler Angebote beeindruckend gewesen sei. Es zeige sich, dass hierbei Ton und Bild ebenso eine Rolle spielten und wie die Qualität des Formats. „Wir können nicht unsere analogen Gottesdienste einfach aufnehmen und ins Netz stellen.“, so die ersten Schlussfolgerungen. „Wir wollen deshalb neue Formate entwickeln und ausprobieren.“ Der leistbare Aufwand und der Erfolg, der sich in diesem Fall an den Aufrufen bemessen lässt, müssen in einem vertretbaren Verhältnis stehen. Um diese digitale Erweiterung verwirklichen zu können, arbeiten die evangelischen Kirchengemeinden noch stärker als bisher und sich gegenseitig unterstützen. Für den digitalen Gottesdienst am Sonntagabend haben die Kirchengemeinden Am Limes, Bischofsheim, Buchen und die Stadtkirchengemeinde Hanau zusammengearbeitet.
 „Du musst den Ton laut stellen, Mama, dann hörst du auch ´was.“ Tatsächlich. Inzwischen begrüßte Stefan Axmann die Gottesdienstbesucher, 60 Interessierte hatten sich eingeloggt. Immerhin, ich konnte die Chatfunktion öffnen, „Recording“ blinkte es, der Bildschirm blieb schwarz. „Mama und Technik.“ Egal.

Ich hörte Christoph Goy von seinem persönlichen „Krisenjahr 2020“ berichten. Die Musik mit Texten zum Mitsingen haben für diesen Gottesdienst die Band  Criss-Cross der Kreuzkirche Hanau und Pfarrer Wolfgang Bromme vorher eingespielt.

Pröpstin Sabine Kropf-Brandau, live aus Bad Hersfeld zugeschaltet, hat für die Impulspredigt das vierte Buch Mose, Kapitel 21 gewählt, in dem Gott dem Volk Israel giftige Schlangen schickt. Ein Bild für Notlage und Bedrängnis, in der sich die Israeliten befanden. Damals wie heute haben Menschen unterschiedliche Möglichkeiten, auf Schwierigkeiten zu reagieren: Sich treibenlassen, sich aufgeben, wütend werden. Aber auch, sich das Problem genau ansehen und kreativ werden. Das ist schwer, Es ist „leichter gesagt als gelebt. Aber: Aufgeben gilt nicht.“

Nach einer kurzen Bildersequenz mit Musik, die ich nicht sehe, sondern nur höre, startete der Live Chat zu Fragen, wie wir Krisen durchstehen, wie wir damit positiv umgehen können. Pöpstin Sabine Kropf-Brandau findet Rat in der Bibel, Trost im Gebet und in guten Gesprächen, Christoph Goy in der kreativen Auseinandersetzung.

Mein erstes Fazit: Das nächste Mal bin ich besser vorbereitet. Trotz technischer Hürden – auch ohne Bild – war es für mich ein sehr gelungener erster Livestream Gottesdienst. Das Thema hat mich angesprochen und berührt, die Geschichten wirken nach und erstaunlicherweise fühlte ich mich sehr mit den Teilnehmern verbunden. Ja, ich freue mich auf den nächsten digitalen Gottesdienst. Trotzdem: ich gehe auch wieder gerne in die Kirche. Vor allem ist dort das Spenden einfacher. Am Sonntag war die Kollekte für Criss-Cross, die Kirchenband der Kreuzkirche, bestimmt.

Spendenkonto: Kirchenkreis Hanau, EKK Kassel,
IBAN DE 39 5206 0410 0001 8001
Verwendungszweck: „Stadtkirchengemeinde CrissCross“

Text: Ulrike Pongratz

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