Ostern ist Lange her – so denke ich, als ich zu Beginn der Woche das Evangelium zum heutigen Sonntag lese. Es war ein besonderes Osterfest in diesem Jahr. Morgens um 5.00 Uhr schrieb ich vor dem Haus in großen Buchstaben auf den Bürgersteig „Der Herr ist auferstanden“. Ein paar Stunden später erklang aus der Kirche, die direkt vor unserem Haus liegt, festliche österliche Orgelmusik. Die Botschaft an diesem Tag war nicht nur zu lesen, sondern auch zu hören: Christ ist erstanden.

Und genau das war ja auch die Botschaft: Das „Nein“ Gottes zur Macht des Todes, sein Ja zum Leben – um einen Aufbruch ins Leben, ein Aufstehen von dem, was im Hier und Jetzt lähmt, unbeweglich, erstarrt – tot ist.

Ostern ist Lange her und doch ist das Evangelium zum 16. Sonntag n. Tr. ganz und gar – nach wie vor inmitten der Coronapandemie – österlich.

Im Evangelium zu diesem Sonntag – die frohe Botschaft von der Auferweckung des Lazarus (Johannesevangelium 11. Kapitel, Verse 1-45) – steht wohl der kürzeste Satz der Heiligen Schrift. Dort heißt es: „Jesus weinte.“

Was passiert war? Jesus hatte die Nachricht erhalten, dass sein Freund Lazarus erkrankt war. Er reist nach Bethanien. Als er dort ankommt, hört er, dass sein Freund schon vier Tage tot ist. Die Schwestern des Lazarus bringen Jesus zum Grab. Dort bricht er in Tränen aus. Dann lässt er den Grabstein entfernen und ruft Lazarus aus dem Grab heraus: „Lazarus, komm heraus. Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt“.

Da ist ein Gott, der sich mir ganz und gar in meinen Sorgen, Ängsten, Nöten und Traurigkeiten an meine Seite stellt – mich nicht alleine lässt, sondern – wie Lazarus – herausruft! Und an die Anwesenden ergeht der Auftrag: „Löst die Binden“.

Beim Nachdenken über diesen Vers geht mein Blick von Lazarus weg hin zum ‚Heute‘. Mir fallen viele ganz unterschiedliche Situationen ein, in denen Menschen sich ‚fest gebunden‘ fühlen. Das Evangelium spricht mich ganz persönlich an: Wo spüre ich, dass Menschen in Sorgen erstarrt, unbeweglich – wie ‚tot‘ sind?

Wo gehe ich auf Menschen zu, so, wie die Anwesenden im Evangelium auf Lazarus? „Ja, du bist gemeint! Ich bin da für dich beim Ent-binden und beim Ent-wickeln. Nicht, weil ich das so gut kann – nein, weil wir uns gemeinsam auf deinen Weg machen und jemand – Gott selbst – mitgeht, an unserer Seite steht.“

Ein anderer Gedanke begleitet mich beim Schreiben dieser Zeilen: Wie ist das denn mit mir selbst? Mir fallen ja auch eigene Lebenserfahrungen ein, in denen ich mich wie erstarrt und unbeweglich fühle (oder vielleicht sogar zum Schutz selbst eingewickelt habe). Wo in meinem Leben erbitte ich von Gott, dass da jemand an meiner Seite steht und beim Entwickeln hilft? Woraus soll Gott mich – wie Lazarus – rufen?

Abschließen will ich die Gedanken mit dem Wochenspruch aus dem 2. Brief an Timotheus, 1,10b: Christus Jesus hat dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht durch das Evangelium.

Andrew Klockenhoff
Schulpfarrer an der Bertha-von-Suttner-Schule