Neulich fuhr ich von Bergen-Enkheim, wo meine Pfarrstelle ist, über die Landstraße Richtung Gronau, um die Gronauer Kirche zu erkunden. Dort habe ich noch nie Gottesdienst gefeiert, obwohl ich schon seit elf Jahren in Bergen-Enkheim und davor Pfarrerin in Maintal war. An diesem Sonntag darf ich die Kollegin in Gronau/Niederdorfelden vertreten. Ich kam also über den Hügel Richtung Nidderau, sah schon den Gronauer Kirchturm von Weitem und dachte: Oh, ist das schön hier! Das Korn steht schon so auf den Feldern, dass es bald geerntet werden kann, die Obstbäume leuchten einem schon mit frischen Äpfeln oder Pflaumen durch die Sommersonne entgegen. Spontan fiel mir das Lied Nr. 395 aus dem Evangelischen Gesangbuch ein, wo es am Ende der dritten Strophe heißt: „Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“

Die Weite der Natur gibt es in unseren Gefilden hier vor den Toren der „fetten“ Stadt Frankfurt zuhauf. Es tut gut, den Blick darüber schweifen zu lassen, zu sehen, was die Natur hervorbringt z.B. an Nahrungsmitteln, die wir selbst nicht herstellen könnten. Und es wirft uns zurück auf die Tatsache, dass wir getrost einmal wieder Danke sagen könnten. Wem? Das kann eigentlich nicht die Frage sein, denn letztendlich verdanken wir unser Dasein Gott. Wir sind hier und haben Anteil am Großen und Ganzen der Schöpfung. Wir sind hier und haben die Aufgabe, diese Schöpfung zu bewahren, sprich: sie zu bearbeiten mit Verstand und Vernunft. Wir sind hier und haben die Aufgabe, an einer gerechteren Verteilung der Güter auf der Welt mitzuwirken. Wir sind hier, um Solidarität mit anderen zu leben, die es womöglich nicht so gut haben wie wir. Wir sind hier, um aufeinander zu achten und zu versuchen, Jesu Weisung von der Nächstenliebe umzusetzen. In Corona-Zeiten heißt das etwa: Mund-Nase-Schutz tragen, Abstand halten, Hände waschen. Für mich problemlos.

Die Corona-Zeit schärft zudem unseren Blick auf so manches Gewohnte, das wir für selbstverständlich hingenommen haben, und katapultiert uns in Ungewohntes: Plötzlich gehen keine weltweiten Flugreisen mehr so einfach. Dafür ist das Radfahren in heimischem Umfeld eine Alternative geworden. Plötzlich fallen Menschen die Felder und Wälder um uns herum auf, sie werden sogar im Internet gepostet mit Kommentaren, dass so etwas ja wirklich sensationell schön sei und wirklich beachtlich. Hallo? Haben wir das denn bitteschön nicht auch schon eher gewusst? Musste erst eine Pandemie kommen? Nein, das denke ich nicht, sondern:

„Die Tore stehen offen, das Land ist hell und weit.“ Es wird ein Leben auch nach Corona geben. Gut, wenn wir uns dann daran erinnern, von wem das Leben und die Weite dafür kommen. Gott sei Dank!

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit. Bleiben Sie gesund!

Herzliche Grüße aus Bergen-Enkheim,
Karola Wehmeier, Pfarrerin