Wie Kirchengemeinden der Corona-Krise begegnen

05 Mai
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Live-Streams und Podcast, offene Kirche und Glockenläuten – die Kirche bleibt präsent

Viel Zeit für lange Diskussionen blieb den Verantwortlichen nicht. Nach einer kurzen Schockstarre – keine Gottesdienste an Ostern – suchten die Kirchengemeinden nach neuen Wegen, die wichtigsten Festtage im Kirchenjahr in Verbundenheit feiern zu können. Und sie fanden sehr viele, unterschiedliche Möglichkeiten, die Menschen mitzunehmen. „Immer wieder beeindruckt es mich, wie engagiert, kreativ und zuversichtlich Pfarrerinnen und Pfarrer und Mitarbeitende mit den aktuellen Herausforderungen umgehen“, sagte Dekan Dr. Martin Lückhoff. Die Rückmeldungen zeigten, dass Kirche auch unter den Bedingungen der Pandemie viele Menschen über das kerngemeindliche Spektrum hinaus erreicht habe. Pfarrerinnen und Pfarrer haben gemeinsam mit vielen ehrenamtlichen Teams neue, kreative Wege gefunden, über Ostern hinaus mit Gemeindemitgliedern in Kontakt zu bleiben und ihnen mit Hilfsdiensten und seelsorgerischer Begleitung zur Seite zu stehen. Dies wird noch eine ganze Weile so bleiben.

Die Hilfsdienste der Kirchengemeinden genießen Vertrauensvorschuss

Die unterschiedlichen Hilfsdienste, die von den Kirchengemeinden getragen werden, haben eines gemeinsam: Sie besitzen einen Vertrauensvorschuss. Der Meinung ist Pfarrer Heller, der in Bischofsheim sehr früh die Corona-Hilfsaktion „aufeinander achten – einander helfen“ ins Leben gerufen hat. Auch das Netzwerk der „Sorgende Gemeinde“ in Schöneck konnte sofort für Einkäufe und Hilfsdienste aktiviert werden. „In der Regel rufen die Menschen im Gemeindebüro oder direkt im Pfarrhaus an“, sagt Jens Heller. Er vermittelt die Aufträge, notiert die Einkaufsliste und koordieniert die Hilfsaktion. Es erreichten ihn viele Alleinstehende. Nicht selten würde ein Telefonat eine Stunde dauern, denn oft sei das Bedürfnis vorhanden, die Lebenssituation zu erläutern. „Das ist in Ordnung. Das ist eine Wohltat besonders für Menschen, die einfach nicht mehr in die Kirche gehen können“, sagt Pfarrer Heller. Mit dieser Telefonseelsorge erreicht er jetzt viele Menschen, die zu „normalen Zeiten“ nicht angerufen hätten. Insesamt ist die Hilfbereitschaft der Menschen groß, das Angebot übersteigt in vielen Gemeinden sogar die Nachfrage.

Kasualien in Krisenzeiten

Taufen und Trauungen finden kaum statt und werden verschoben. Dies geschieht vor allem auf Wunsch der Familien und Hochzeitspaare, denn eine Feier im größeren Familienkreis ist zurzeit einfach  nicht möglich.

Seelsorge hingegen gehört noch zu den alltäglichen Aufgaben der Pfarrer. Trauergespräche etwa dürfen stattfinden und liegen auch in der Verantwortung des Pfarrers. „Wir müssen den Rahmen, in dem solche Gespräche stattfinden können, sehr genau abstecken. Die Organisation ist also sehr viel umfangreicher geworden“, sagt Pfarrer Heller. Aber die Situationen in einer Gemeinde wie Bischofsheim seien überschaubar, man könne im Vorfeld vieles klären und besprechen. „Sehr viel mehr seelsorgerische Gespräche finden zurzeit aber am Telefon statt, das hat sich verlagert“, meint Pfarrer Heller.

Die Kirchengemeinden haben schnell reagiert

„Es ist sehr viel passiert“, resümiert Dekan Lückhoff. In Marköbel beispielsweise haben Pfarrerin Katharina Bärenfänger und ihr Team 1000 Osterkerzen verteilt. Die Mitglieder der Stadtkirchengemeinde hatten vor Ostern eine gedruckte Sonderausgabe des Gemeindebriefs im Briefkasten, in Issigheim ruft Pfarrer Dörnberg die Gemeindemitgleider an, andere Pfarrerinnen und Pfarrer verteilen persönlich Osterbriefe. Vielerorts waren die Kirchen offen, mit Live-Streams und Podcasts sind Pfarrerinnen und Pfarrer zu jeder Zeit präsent, Glockenläuten und stille Gebete setzen Zeichen der Verbundenheit. Bis auf Weiteres bieten die Kirchengemeinden folgende Angebote:

Sonntagsgruß als Podcast und Video-Andacht

Alle Kirchengemeinden im Kreis bieten wöchentlich aktuelle Predigten, Psalmen, Liedtexte mit Musikbegleitung und vieles mehr. So können zuhause mit der Familie, alleine oder zu zweit kleine Hausandachten gefeiert werden. Bereits gehaltene Andachten, Predigt-Gedanken und Wohnzimmergottesdienste finden sich auf den Seiten der jeweiligen Kirchengemeinde, zum Mithören als MP3, zum Mitlesen und Ausdrucken als pdf-Datei oder über Links auf anderen Kanälen, wie You-tube, etc.

Seit Mitte März werden Woche für Woche digitale Andachten auf die Homepage gestellt. Getragen von dem Leitgedanken „aus der Gemeinde für die Gemeinde“ hat das Gottesdienst-Team in Bergen-Enkheim die liturgischen Texte zu Hause mit dem Smartphone aufgenommen. Kantor Wolfgang Runkel hat Texte und Lieder für Andacht bearbeitet, geschnitten und online gestellt. Zudem spielen die Organisten die Wochenlieder für den jeweiligen Sonntag zum Mitsingen aktuell ein; sie sind als MP3 online abrufbar.

In Bruchköbel werden Gottesdienste in der Kirche ohne Gemeinde gefeiert, aber sie werden online als Live-Stream übertragen. Pfarrer Abraham bietet zudem an, die Gottesdienste in gedruckter Form oder auf CD zuzustellen. In Bischofsheim, Marköbel oder Hüttengesäß nehmen Pfarrerinnen und Pfarrer Videoandachten in der Kirche auf, die alle auf You-tube abrufbar sind; auch aus der Friedenkirche Hanau, aus Nidderau-Ostheim und Heldenbergen, aus Hüttengesäß und vielen weiteren Kirchengemeinden sind die vertrauten Orgelklänge und Stimmen der Pfarrer, Prädikanten und Lektoren zu hören.

In Neuberg haben Krystian Skoczowski an der Orgel und Corinna Berthold (Gesang) in der Rüdigheimer Kirche Lieder und Orgelstücke für die Osterzeit eingespielt, in der Stiftskirche Windecken sind Aufnahmen mit Leonore Kleff und Diez Eichler an der Orgel entstanden.

Kirche mit Kindern @ Home

In vielen Gemeinden kommt auch die vertraute Kinderkirche nach Hause. Das Team der Bonifatiuskirche in Buchen bereitet Inhalte kindgerecht auf; sie sind immer samstags ab 15.00 Uhr zu Hause abrufbar. Auch in der Kirche Am Limes gibt es jeden Sonntag eine neue Folge der Kinderkirche „KiKi online“. In Erlensee finden wir kirchliche Lieder für Kinder gesungen und Bibelgeschichten für Kinder erzählt.

Jugend trifft sich im Chatroom

Die Evangelische Jugend im Kirchenkreis Hanau eröffnet ein virtuelles Jugendzentrum. Während der Schließung der Kinder- und Jugendzentren durch Corona können Kinder und Jugendliche jeden Nachmittag zwischen 15.30 Uhr und 17.30 Uhr auf juzonline.ejhanau.de mit anderen chatten, spielen und sich auch per Video unterhalten.

„Einfach ins JUZ gehen ist in Zeiten von social distancing nicht möglich. Aber trotzdem ist es wichtig miteinander Zeit zu verbringen und einfach mal mit Freunden abzuhängen.“ sagt Kreisjugendpfarrer Philipp v. Stockhausen. „Deshalb wollen wir dies zumindest online ermöglichen.“ Jugendliche können sich einfach mit dem Computer oder mit dem Smartphone zuschalten. Auf dem Computer öffnet Ihr einfach juzonline.ejhanau.de . Für das Smartphone ist die kostenlose App „Zoom“ notwendig. Diese findet sich in den App-Stores für iOS und Android.

Bibel teilen am Mittwochabend

Immer mittwochs abends um acht ist Pfarrer Jens Heller online. Über Video-Schaltung lädt er zum Gespräch über die Bibeltexte ein.

Glocken läuten als Zeichen der Verbundenheit

Unter dem Motto „Miteinander, aber nicht zusammen“ läuten in allen Gemeinden die Kirchenglocken. So schaffen die Kirchengemeinden Gemeinschaft, ohne zusammen zu sein. Jeden Tag erklingen die Glocken überall um 12.00 Uhr, im Maintaler Stadtteil Dörnigheim läuten sie sogar dreimal täglich und laden dazu ein, zuhause mitzubeten. Die Menschen sind eingeladen, dann eine Kerze zu entzünden und das ‚Gebet der Woche“ zu sprechen, das immer aktuell auf der Webseite der Gemeinde steht oder in der Kirche ausliegt.

Offene Kirchen – Gebet in der Stille und Orgelklänge

Offene Kirchen, wie in Langenselbold, Bruchköbel oder sind nach wie vor täglich geöffnet. Andere Gemeinden, wie Bischofsheim, Dörnigheim oder Erlensee öffnen sonntags einige Stunden für das meditative Gebet Einzelner die Kirchen, mancherorts können Kerzen entzündet werden oder persönliche Anliegen im Gebetskasten eingeworfen werden. Zu festgelegten Zeiten erfüllen Kirchenmusiker den Raum mit Orgelklängen.

Hier gelten die allgemeinen Abstandsgebote von mindestens 1,50 Meter bis zwei Meter von anderen Kirchenbesuchern.

Für das Gebet unterwegs, aber auch für zuhause liegt in vielen Gotteshäusern bereits. Die Kirche in Mittel- und Wachenbuchen bietet die „Andacht mobil“. Sie liegt jede Woche neu in den Kirchen auf Papier zum Mitnehmen aus und ist auch online auf der Kirchenhomepage abrufbar.

Persönliche Zeichen der Verbundenheit

Als Zeichen der Ermutigung und Gemeinschaft stellen viele Christen abends eine Kerze in das Fenster. Im Kirchhof Dörnigheim wird jeden Abend um 18.00 Uhr eine Kerze entzündet. Die Stadtkirchengemeinde Hanau bemalt mit Kindern „Fisch-Steine“, die an Jesus Christus erinnern. Als kleine Ostergabe für die Nachbarn, Freunde und Mitmenschen machten sie auch deutlich: „Wir stehen zusammen, du bist nicht vergessen.“ 

Aktion: Orte der Hoffnung!

Das frühsommerliche Wetter lädt dazu ein, die Natur zu erkunden. Bei dem ein oder anderen Ausflug draußen stößt man auf wunderbare Orte. Orte, die Kraft spenden und die man immer wieder gerne aufsucht.

Welcher Ort gibt Ihnen Hoffnung oder spendet Kraft, um die leeren Akkus wieder aufzuladen? Schicken Sie Ihr Bild an theresa.fischer@ekkw.de und wir teilen es unter #OrtederHoffnung in unseren sozialen Medien.

Ausblick: Kirchliches Leben mit Covid 19

„Unterschiedliche Stellungnahmen aus Bund, Land und Kreis verdeutlichen: verschiedene Beschränkungen, hervorgerufen durch die Pandemie, bestehen länger als zunächst angenommen. Eine Rückkehr zu „normalen Arbeitsbedingungen“ erscheint auch mittelfristig nicht vorstellbar. Unser Fokus liegt deshalb auf der Frage, wie kirchliche Arbeit in Zeiten der Pandemie weiterhin gelingen könne“, so Dekan Lückhoff.

Text: Ulrike Pongratz

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