Videokonferenz mit Gott

30 Mrz
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Und wieder hat ein Tag im familiären Homeoffice begonnen. Nach dem Frühstück machen sich alle auf zu ihren Schreibtischen. Meine Tochter sucht in dem Stapel von Schulbüchern die Liste mit den Emailadressen der Lehrer. Mein Mann schnappt sich die Kopfhörer für die anstehende Telefonkonferenz. Und während ich die Treppe runter gehe – mein Arbeitsplatz ist ja schon immer im unteren Stockwerk – ruft mir mein Sohn nach: „Mama! Wie läuft das eigentlich bei dir? Hast du eine Videokonferenz mit Gott?“ Ich lache. Na, das wäre mal was. Ich setze mich an meinen Schreibtisch und starte den Rechner. Ja, wie wäre das, wenn ich jeden Morgen zuerst Gott anfunke. Ihn sozusagen frage, was die Aufträge für den Tag sind. Während ich auf das bekannte Kriseln des Computers höre, der langsam warmläuft, hakt sich die Vorstellung bei mir fest. Wenn Gott sich jetzt zuschalten würde. Vielleicht aus dem Himmel, denke ich und muss grinsen. Oder aus dem Weltall? Oder aus der Kirche nebenan. Und was hätte er für Aufträge an mich? Weiterhin per Telefon den Menschen beistehen, die in diesen Wochen allein zu Hause sind. Und noch mehr für diejenigen beten, die jetzt an der medizinischen Front für Hoffnung sorgen. In die Kirche gehen und Kerzen anzünden für die traurigen Menschen, die in diesen Tagen jemanden beerdigen müssen. Ach, Gott, und was hätte ich alles für Fragen! Wie wird das alles nur weitergehen? Und die vielen Menschen, für die nicht mehr richtig gesorgt werden kann, weil alles zuviel ist? Und was ist mit denen, die nachts nicht mehr schlafen können, weil sie nicht wissen, wie sie ihr Geschäft weiterführen sollen? Und dann die große Frage nach dem Warum! Warum kommt dieses Virus mit solcher Macht über uns?

Weil ich noch nichts gemacht habe, ist der Bildschirmschoner angegangen. Eine riesige Bergkette erscheint. Mächtige Felsen soweit das Auge reicht. Mit Schnee bedeckt. Diese Naturfotos, die in immer neuen Varianten eingeblendet werden, sind natürlich sehr bearbeitet. Und plötzlich muss ich an Hiob denken. Die alte Geschichte in der Bibel von dem Mann, der alles hatte und dann alles verloren hat. Sein ganzes sicheres und reiches Leben wurde über den Haufen geworfen. So ähnlich wie unseres in diesen Wochen. Und Hiob hat dann mit seinen Freunden zusammengesessen und überlegt und nach Antworten gesucht. Wie konnte ihm das passieren? Er hatte doch nichts falsch gemacht. Sich immer gerecht gegenüber den anderen verhalten. Seinen Reichtum geteilt. Und jetzt war alles zerstört. Krankheit und Tod waren über seine Familie und ihn selbst gekommen. Die Tiere gestorben, die Angestellten von Räubern erschlagen oder entführt. Das Haus im Sturm zerstört. Und das soll der Lohn für seinen treuen Glauben an Gott sein? Gott antwortet erst nach vielen Wochen. Und dann erklärt er die Sache nicht, sondern stellt seinerseits Fragen: Wo warst du, Hiob, als ich die Erde gründete? Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat? Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und hast du die Tore der Finsternis gesehen? Wer ist des Regens Vater? Wer hat die Tropfen des Taus erzeugt? Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken? Bin ich es nicht, der alles auf der Welt, was lebt und wächst und stirbt, in seinen Händen hält? –

Ich blicke auf die Fotos mit abgrundtiefen Wasserfällen und Nebelschwaden über dunkelgrünem Urwald. Seltsam geformte Steine am Meeresstrand leuchten in der Morgensonne. Irgendwo auf der Welt gibt es die Vorlagen für diese Bilder. In meine Gedanken mischt sich plötzlich das begeisterte Rufen der Nachbarskinder und das Rattern von ihrem Bobbycar. Ich stehe auf und gehe zum Fenster. Die haben jedenfalls auch im heimischen Hof ihren Spaß. Ich öffne das Fenster. Die Vogelstimmen hört man in diesen Wochen auch besser. So läuft das also. Eine Videokonferenz mit Gott.

Ihre Pfarrerin Solveig Engelbert aus Langenselbold

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