Predigt für zu Hause

23 Mrz
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Prädikant Andreas Schwender hat sich in seiner für den letzten Sonntag entworfenen Predigt auf die Suche nach tröstenden Worten begeben:

Predigt AT Jesaja 66, 10-14
Die letzten Wochen waren schwierig, schmerzhaft. Als ob der Schrecken von Hanau nicht schon genug wäre, kämpfen wir nun mit einem Feind, den wir nicht einmal sehen. Aber gerade in bedrückenden Zeiten, muss man auch Luft holen, Durchatmen, sich aufrichten, Kraft tanken.
Liebe Gemeinde, der heutige Sonntag markiert einen Einschnitt in der Pas-sionszeit, fällt doch in ihn schon ein wenig von der Osterfreude. Der Stim-mung entspricht auch der Abschnitt aus dem Buch des Propheten Jesaja, in dem der Trost Gottes im Vordergrund steht. Es ist ein Text aus dem Alten Testament.
“Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutter-brust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.”


Kann man schönere Worte der Hoffnung finden als diese? Wohl kaum. Wer im Finstern wandelt, lese diese Worte, atme sie ein, nehme sie zu sich wie Speise von den „Brüsten des Trostes“. Gott selbst macht allem Elend ein Ende; und er macht es, weil er Menschen sendet, die das Elend zum Besse-ren wenden.
Wie eine Mutter das Elend der Kinder in ihren Trost bettet. Das hebt nicht alles Elend auf, macht es aber erträglicher. Es weint sich leichter, wenn man dabei Vater oder Mutter in den Armen liegen darf. Trost ist nicht das Aufheben des Elends. Auch wenn – wie in diesem historischen Fall – das Volk Israel aus der Verbannung heimkehren kann in das Land der Mütter und Väter, ist ja längst noch nicht alles in Ordnung. Schmerzen bleiben, Schuld bleibt, das Leben braucht lange, um wieder eine Ordnung zu finden.
Sie wird aber leichter gefunden, wenn am Anfang der Trost steht, das Gese-henwerden von Gott. Wir können uns nur freuen, wenn wir um Trost wis-sen. Leid ist tragbarer, wenn es dabei „im Trost liegt“ wie im Schoß der Mutter. So sollen wir schauen auf alles, was uns bedrängt: Wir liegen und bleiben in Gottes Schoß. Wie einst bei der Mutter.
Jesaja, das heißt übersetzt „der Herr hat gerettet“, gehörte durch Abstam-mung dem israelitischen Adel an, war gebildet und wurde durch den Ruf
Gottes zum Propheten und Verkündiger von Gottes Wort dazu bestimmt, besonders in Jerusalem zu wirken. Jesaja war verheiratet und hatte zwei Kinder. Er übte seinen Prophetendienst mehr als 40 Jahre lang aus, etwa ab 740 v. Chr.
Jesajas Vision des Reiches Gottes ist gewaltig, denn sie schließt die Heilsge-schichte von seinen Tagen bis zu ihrer Vollendung ein. Sie umfasst das Exil, die Rückkehr der Juden aus dem Exil, die Sendung, den Dienst und das Königreich Jesu Christi. Die Sendung und Hoffnung der Gemeinde, Jesu gegenwärtige Herrschaft über diese Welt und Wiederherstellung aller Dinge in Heiligkeit und Gerechtigkeit.
Jesaja war ein begabter Redner. Durch seine dichterische Vorstellungskraft und seinen rhetorischen Stil gelang es ihm, die die im zuhörten, dahin zu führen, auf das Kommen des Reiches Gottes zu vertrauen.
Jesaja sah zu seiner Zeit hinter dem Rauch und Schutt der Gegenwart eine Zukunft mit Gottes Herrschaft über alles, was auf der Erde geschieht. Er sah Gottes wunderbare Liebe zu jedem Volk und jeder Nation. Jesaja sah einen liebevollen und gerechten Gott. Kriege werden aufhören und Gottes Friede wird auf der Erde herrschen.
Außer der Erlösung Israels kündigte er das Kommen eines Gottesknechtes und Erretters an. Dieser werde den Völkern Gerechtigkeit bringen, einen neuen Bund zwischen Israel und dem Herrn errichten, das Licht der Heiden sein und die Sünden seines Volkes wegnehmen. Er werde freiwillig leiden um diesen Sieg zu erringen und Gott werde ihn belohnen und rechtfertigen. Im Neuen Testament wird dieser Gottesknecht mit Jesus Christus gleichge-setzt.
Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Ihr werdet’s sehen und eu-er Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn.
Jesajas Vision greift schon vor bis zur Offenbarung des Johannes im Neuen Testament [Offb 7, 9] Danach sah ich, und siehe, eine große Schar, die niemand zählen konnte, aus allen Nationen und Stämmen und Völkern und Sprachen; die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, angetan mit weißen Kleidern und mit Palmzweigen in ihren Händen.
[Gedankenpause]
In einem Interview antwortet der Journalist Can Dündar auf die Frage: Wenn die Welt in einem Jahr untergeht, was wäre bis dahin ihre Aufgabe? Ich würde versuchen, einen anderen Planeten zu finden, um dort zu leben.
Nachfrage: Das klingt nicht sehr realistisch? Darauf Can Dündar: Wenn man neue Wege zum Überleben sucht, finde ich das besser, als wenn man nur versucht, die letzten Momente zu genießen.
Das finde ich sehr tröstlich. Es gibt Situationen da kann man als Prädikant und Nichtwissenschaftler nicht viel mehr tun, als zuhause zu sitzen, zu be-ten und mehr oder weniger kluge Sätze aufzuschreiben. Es ist deswegen tröstlich, weil dort draußen viele Menschen rund um die Uhr, bis zur Er-schöpfung, daran arbeiten einen anderen Planeten zu finden, auf dem wir leben können. Einen ohne Covid-19. Schreiben und Telefonieren, sehr viel mehr geht zurzeit nicht.
Was gibt uns Trost und Zuversicht? Worte spenden Trost. Obwohl, oder ge-rade weil, sie nicht mit Händen zu greifen sind, sondern weil sie Ohren, Au-gen und unser Herz erreichen. Die Worte Jesajas zu lesen, bewirkt etwas in mir. Die Worte lösen etwas aus. Wie wenn eine Postkarte, ein Brief im Kas-ten liegt. Worte die der Prophet vor langer Zeit auf den Weg gebracht hat, wärmen heute noch mein Herz.
Nichts ist gut an diesem Virus. Es zwingt uns unser Leben, zumindest für eine gewisse Zeit, zu ändern. Aber wenn das schon so ist, warum nicht die staubige Bibel hervorholen. Die alten Texte können uns helfen. Lassen sie sich von den alten Geschichten in den Arm nehmen. Vielleicht sind wir an einem Punkt angelangt, an dem wir bereit sind, zu den alten Sprachen des Trostes zurückzukehren, als das Werk von Brüdern und Schwestern.
Wenn wir uns auf diese Reise begeben, dürfen wir mit Überraschungen rechnen. Eine davon ist, dass der Glaube an einen gerechten und barmher-zigen Gott erfüllt sein darf mit Zweifel, Angst, ja sogar Wut über Gottes Un-ergründlichkeit. Über seine launische Weigerung, uns Leid und Verlust zu ersparen … und uns gleichzeitig Liebe und Trost zu spenden.
Deshalb sind religiöse Texte auch heute noch lebendig für uns. Deshalb nimmt auch zu dieser Stunde irgendjemand die Bibel zur Hand und liest die Psalmen oder die Propheten oder die Evangelien und straft damit die Il-lusion Lügen, dass die moderne Welt uns die Fähigkeit genommen habe, Zugang zu den Tröstungen unserer religiösen Vergangenheit zu finden.
Was uns tröstet, mag nicht mehr der Glaube an das Paradies sein, sondern etwas ganz anderes, ein Glaube an die Menschheit aus dem Bewusstsein heraus, dass andere Menschen, so wie wir, wussten, was es heißt, existen-zielle Ängste und Einsamkeit zu empfinden, und sich von ihnen trotzdem nicht unterkriegen ließen.
Das Gefühl, dass wir nicht allein sind, nicht im Stich gelassen mit unserem Elend. Die alten Texte können uns helfen, Worte für das Unaussprechliche zu finden, für Erfahrungen der Isolation, die uns im Schweigen einzuschlie-ßen scheinen.
Trost ist ein Akt der Solidarität, indem wir den Hinterbliebenen Gesellschaft leisten, einer Freundin über einen schwierigen Moment hinweghelfen, mit jemandem lachen auch wenn es nichts zu lachen gibt. Trost bewahrt uns die Fähigkeit zur Mitmenschlichkeit. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen,
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unser Verstehen, bewahre unse-re Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

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