Tageslosung

Gott der HERR rief Adam und sprach zu ihm: Wo bist du? Und er sprach: Ich hörte dich im Garten und fürchtete mich; denn ich bin nackt.
Weil ihr nun Kinder seid, hat Gott den Geist seines Sohnes gesandt in unsre Herzen, der da ruft: Abba, lieber Vater!

So habe ich das früher in der Schule mal gelernt und es ging mir in dieser Woche durch den Kopf. Relativ sprachlos macht ja der aggressive Wahlkampf des türkischen Präsidenten Tayyip Erdogan. Da werden Opfer des Nationalsozialismus mal eben zu Faschisten erklärt, die Bundeskanzlerin wird mit einem abschätzigen „Du, Merkel“ bedacht und wer sich eine andere Meinung erlaubt, gerät unter Terrorismusverdacht. Ernsthaft erklären Vertreter der AKP immer wieder, dass in der Türkei Pressefreiheit herrsche. Zeitgleich verlassen die meisten nicht linientreuen Journalisten das Land. In Holland spitzte sich die Lage zu. Der türkische Außenminister erhielt nach abenteuerlichen Aussagen keine Einreisegenehmigung. Die Familienministerin versuchte mit dem Auto einzureisen und wurde ebenfalls davon abgehalten. Durchaus ungewohnte Schritte in einer liberalen Demokratie wie der in Holland. Erwartungsgemäß eskalierte die politische Rhetorik daraufhin und zudem fand am Mittwoch die Parlamentswahl in Holland statt und man fürchtete, dass der Rechtspopulist Geert Wilders als Gewinner aus der Wahl hervorgehen würde. Zwei Pole trafen wie im Showdown eines Westerns aufeinander. Mit einem Ergebnis, das jedes demokratische Herz höher schlagen lässt: die Wahlbeteiligung mit rund 80% überragend hoch, Ministerpräsident Rutter deutlich vor Wilders. Ein Ausrufezeichen für die Demokratie und für Europa! Ich frage mich manchmal, warum die Dinge sich erst so zuspitzen müssen, bevor es dazu kommt. Warum meldet sich das politische Gewissen erst, wenn es „Spitz auf Knopf“ steht? Meine Vermutung: das hat etwas mit der „Komfortzone“ zu tun. So lange im Grunde alles seinen Gang geht, ist das Interesse auch an politischer Gestaltung gering. Wenn die Pole aufeinandertreffen, schwindet jedoch die „neutrale Zone“. Die beiden Gegenmodelle stehen relativ deutlich vor Augen und man kann begreifen, was geschieht, wenn man sich so oder so entscheidet. Der Apostel Paulus hat das in seinem Brief an die Römer auf den Punkt gebracht, wenn er schreibt: „Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.“ Diesen Vers kennt man, aber die Zeilen davor finde ich noch spannender: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.“ Natürlich kann man das nicht eins zu eins auf den Umgang mit Erdogan oder Wilders übertragen, aber an einem Punkt finde ich diese Sätze wirklich treffend: manches von dem, was da bei Wahlkampfveranstaltungen herausposaunt wird, ist so krude, dass es sich selbst disqualifiziert. Wer braucht da noch eine Richtigstellung? Das Beste, was wir dem entgegensetzen können, ist die bleibende Bereitschaft zur konstruktiven Zusammenarbeit und ein Ausrufezeichen wie das am Mittwoch.
Pfarrer Jens Heller, Evangelische Kirchengemeinde Bischofsheim